31.12.2007

Die Pfahlsitzer - Vierter Akt


Winterpause. Abend. Zwielicht und Stille. Der Park ist menschenleer. Die Pfähle sind so weit wie möglich nach vorne gerückt. Die Langneseschirme entfernt. Die Pfahlsitzer sind winterlich gekleidet: Kordula ist in einen Bundeswehrschlafsack gehüllt und trägt einen Schal, Wilko einen Anorak und Handschuhe, Roland nur eine Wollmütze. Beide Männer haben Bärte. In der Betreuerhütte brennt gelbes Licht. Nachdem es im Verlauf des Akts stetig dunkler geworden ist, bleibt dieser Schein am Ende das einzige Licht auf der Bühne (also kein Mondschein oder dergleichen). Der Pulsschlag des Akts ist schleppend. Die Pfahlsitzer sprechen durchweg leiser, langsamer und tonloser. Sprechpausen so oft wie günstig. Der Akt beginnt auch mit einer Pause, die Kordula in ihrer Traum-Erzählung macht.


KORDULA: Es war warm. Und es ging ein bißchen Wind. Warmer Wind. Ich hab auf einem

Baum gesessen, in so einer großen Astgabel, und über mir war alles grün und voller Blätter. Und hab gewartet. Pause. Ich weiß gar nicht, worauf eigentlich. Pause. Plötzlich steht unten ein Mann und lächelt zu mir hoch. Um die Vierzig, groß, dunkle Haare und helle Augen. Pause. Ich bin einfach runtergesprungen. Und er fängt mich auf. Pause. Er hat gelacht und gesagt: da bist du ja... endlich... Pause. Sie lächelt. Roland fängt an, geräuschvoll eine Zeitung durchzublättern. Und ich hab ihm in die Augen gesehn und gesagt:... – weiß ich jetzt gar nicht mehr... Und dann sind wir über die Wiese gegangen. Er und ich. Einen Hügel hoch. Pause. So eine große warme Hand hatte er. Pause. Dann weiß ich nur noch, daß da auf einmal viele Leute um uns waren. Und alle lächelten, riefen und winkten. Und Kinder rannten auf mich zu, bestimmt zehn kleine lachende Jungen. Pause. Die Leute bildeten so eine Gasse, und wir gingen da durch. Und alle riefen: Kordula, alles Gute! Viel Glück, Kordula! Bis wir oben auf dem Hügel waren. Da war alles so sonnig und duftig vor Blüten und Gräsern! Und da steht so ein Ballon, ein Heißluftballon mit großem Korb unten. In den sind wir dann reingeklettert. Und weißt du, wer den Strick losgemacht hat? Du. Sie sieht Wilko an. Dann leiser und traurig lächelnd: Und dann sind wir weggeflogen. Über die Wiesen. Immer höher. Du hast gewunken.

Pause. Stille.

WILKO: Ich träum gar nix mehr. Hier auf dem Pfahl träum ich gar nix.

Pause.

ROLAND hinter der Zeitung: Und ich hab Verstopfung.

KORDULA: Dann steig ab.

ROLAND: Mir geht’s prima. So wohl hab ich mich lang nicht mehr gefühlt. sieht sie an: Ich

bin halt ein Kämpfer. Widerstände bauen mich auf. Nur schade, wenn ich euch so anschau, daß ihr mich nicht aufbauen könnt.

KORDULA müde: Ach, laß mich doch in Ruhe.

Pause.

WILKO: Ich hätte vor der Winterpause absteigen sollen... Letzte Woche, da hätte ich

absteigen sollen...

Pause.

KORDULA: Vorletzte.

WILKO: Wieso?... Ach ja... Stimmt.

Pause.

WILKO: Meinen die das ernst, daß sie schon Vorbereitungen für eine Pfahl-Weihnacht

getroffen haben?

ROLAND: Sicher. Hoffentlich.

KORDULA nachdenklich: Ob es sehr kalt wird diese Nacht?

Schweigen.

WILKO: Wie kalt war es am Freitag? Als wir zum ersten Mal Frost hatten?

KORDULA: Das war am Mittwoch.

WILKO: Wirklich?... Ach ja... Stimmt.

ROLAND: Minus zwei.

Pause.

WILKO: Also, das ging doch ganz gut, oder?

ROLAND: Kein Problem. Stimmt’s, Kordula?

KORDULA ohne zu streiten: Ich glaub, ich hab gar kein Fieber mehr. War ja sowieso nur

ganz niedrig. Und die Arznei hat gut geholfen... Kopfschmerzen hab ich ja sonst auch öfters. Pause. Wie kalt soll es denn werden?

ROLAND: Ein gutes Stück kälter jedenfalls.

Schweigen.

WILKO: Gestern ist der Onkel gestorben.

ROLAND: Das hast du schon erzählt.

WILKO: Ja.

Pause.

KORDULA: Tut mir übrigens sehr leid. Auch für deine Freundin.

WILKO: Ja... die... Er seufzt. Pause. Letzte Woche, da hätte ich absteigen sollen...

Längere Pause. Roland blättert raschelnd in der Zeitung. Kordula nimmt ein Buch hervor mit dem Titel: “WEITERLEBEN IM JENSEITS?“ – offensichtlich jedoch ohne sich aufs Lesen konzentrieren zu können. Wilko scheint nachdenklich und seufzt mehrmals.

ROLAND liest aus der Zeitung vor: „Die ‚Tussaud‘-Gruppe übernimmt in Sohlgau den

Flachland-Park. 320 Millionen Mark sollen die Briten für den 1978 von Hans-Jürgen Hartmann gegründeten Freizeitpark gezahlt haben. – Wohl kaum hätte sich die 1761 in Straßburg geborene Marie Grosholtz träumen lassen, daß sich ihre Wachsfigurenkirmes einmal zum größten europäischen Unternehmen für Freizeitattraktionen entwickeln würde. Dreiunddreißig Jahre tingelte sie über Jahrmärkte, bevor sie ihren Mann, den Ingenieur François Tussaud, verließ und nach England übersiedelte. In der Londoner Marylebone Road richtete sie ihrer inzwischen stattlichen Wachsfigurensammlung ein dauerhaftes Heim ein. Wie dauerhaft, wird sie kaum geahnt haben.“

WILKO seufzt: Wachsfigurenmacher wär ich gerne.

ROLAND liest weiter: „Das Londoner Wachsfigurenkabinett gehört heute zu den

Bestandteilen der ‚Tussaud‘-Gruppe, die die höchsten Renditen abwerfen: der jährliche Umsatz liegt bei 342,4 Millionen Mark, Wilko seufzt. der Reingewinn bei etwa 112 Millionen. Zur ‚Tussaud‘-Gruppe gehören außerdem drei Wachsfigurensammlungen in den USA und Hongkong sowie weitere sechs Großattraktionen, darunter das englische Schloß ‚Warwick‘ und das ‚Millenium-Wheel‘-Riesenrad am Themseufer – mit einer Höhe von 150 Metern das größte Riesenrad der Welt.“

KORDULA: Mußt du uns das jetzt alles vorlesen?

WILKO: Laß ihn doch, ist doch interessant.

KORDULA: Total uninteressant! Was geht mich ein Riesenrad in London an?!

WILKO: Aber es geht uns doch vielleicht an. Ich mein, wir gehören denen doch hier...

KORDULA: Ich gehör niemandem.

WILKO kindlich staunend: Hundertfünzig Meter ist ganz schön hoch...

KORDULA: Niemand gehört niemandem!

WILKO: Lies weiter.

ROLAND liest: „Im Oktober 1998 wechselte die ‚Tussaud‘-Gruppe zuletzt den Besitzer. Der

Mediengigant Pearson, Herausgeber der ‚Financial Times‘, er spricht es: ‚finanzial‘ verkaufte für 1,12 Milliarden Mark sein Portfolio schaustellerischer Attraktionen an die Investmentkapitalfirma ‚Charterhouse Development Capital‘, die inzwischen mehrheitlich Anteile an etwa dreißig europäischen Unternehmen hält. Die Übernahme des Flachland-Parks ist dabei Teil eines rund 650 Millionen Mark starken Entwicklungsplans, mit dem unter der Regie von Charterhouse die ‚Tussaud‘-Gruppe ihre Marktführerschaft in Europa durch Akquisitionen auf dem Kontinent konsolidieren will. 2003 will man die Gruppe an der Börse einführen.“

Pause. Roland macht ein bewunderndes Gesicht.

WILKO: Toll.

ROLAND: Da muß ich mir um das Preisgeld ja keine Sorgen machen.

KORDULA: Vielleicht müssen wir uns bald ganz andere Sorgen machen.

ROLAND: Und welche?

KORDULA überlegt, aber umsonst: Andere eben... Allgemeine Sorgen... Mich kann das

alles jedenfalls nicht beeindrucken.

ROLAND: Aha. Und warum nicht?

KORDULA: Mir wird das alles zu viel, ganz einfach! Die ganzen Zahlen und Pläne und

Gewinne! Das ist mir zu viel. Zu wichtig. Zu groß – ja, genau: zu groß ist das alles! Ganz einfach. Pause. Wichtiger sind ja doch andere Dinge. Kleinere.

ROLAND provokant: Große warme Hände zum Beispiel?

KORDULA ohne zu streiten: Vielleicht.Warum nicht?... Hände...Wärme...

Pause.

WILKO plötzlich und verärgert: Wir hätten längst absteigen sollen! Vor der Winterpause.

Das Geld teilen – heimfahren. Das macht keinen Spaß mehr. Ist doch sinnlos geworden hier in der Kälte. Für die paar Mark. Alles leer. Nur wir. Wie tot. Wie auf ‘m Friedhof. Nur zu uns kommt keiner gießen. – Post kriegen wir auch keine mehr. Neulich steht in der Zeitung: „Auf den Marterpfählen der Spaßgesellschaft“ – der einzige Artikel jetzt. Keine Sau interessiert das hier noch! Außer Roland. Die lachen doch über uns! Kann ich verstehn. Ist wirklich zum Lachen. Wenn’s nicht so arschkalt wär, würd ich auch lachen. Pause. Zu Roland: Du hast fünfzig oder sechzig Stunden Vorsprung – du steigst ab, wir sagen den Betreuern bescheid, sitzen jeder von uns die Zeit, die noch fehlt, bis alle dieselbe Stundenzahl haben, und dann teilen wir. Fast 20.000 Mark für jeden!

ROLAND: 16.666 Mark 66. Wilko sieht ihn fragend an. 50.000 durch drei. Wilko

seufzt. Pause. Nein, geht nicht.

WILKO: Glaubst uns nicht, daß wir absteigen, was? – Wir können Meinolf als Schiedsrichter

nehmen...

ROLAND: Doch... Ich glaub’s schon.

WILKO ermutigt: Na also! Dann machen wir das!

ROLAND: 16.700 statt 35.000... Nein, das geht nicht. Ich würd ja. Aber ich kann

nicht...

WILKO: Warum denn nicht? Was willst du denn schon mit dem Geld?

ROLAND: Ich will es nicht – ich brauch es. Ich hab Schulden.

WILKO: Ich hab auch Schulden. Jeder hat doch Schulden.

ROLAND: Ich hab ein Haus gekauft. Ich brauch das Geld. Sonst ist das Haus weg. Kann ich

euch vorrechnen. Dispolimit ist voll. Zu. Da geht nix mehr. Zwei Jahre gings gerade. Jeden Monat 1.300 Mark abbezahlt. 600 Mark Kosten fürs Haus. Erst Dachreparatur 4.000 Mark. Dann Heizung 2.000. War alles vergammelt. Hab jeden Tag nur noch Brot und Brei gegessen. Jetzt bin ich gestundet. Bis Jahresende. Und dann ist Schluß. 7.000 im Minus. Wenn nicht gezahlt wird, sitz ich draußen. Dann brauch ich gar nicht erst heimfahren. Pause. Zwei Jahre hab ich keinen Tag Urlaub genommen für das hier. Jetzt hab ich den vierten Monat unbezahlt! Ich bin schon halb ein Penner! Reif für die Parkbank! Und soll absteigen, weil’s euch kalt ist? – Für mich steigt auch keiner ab. Schluß!

Pause. Kordula zittert.

KORDULA ängstlich: Wenn es heute nacht friert... ich mein... so richtig friert... Dann

werden die uns doch nicht hier sitzen lassen, oder?

Schweigen. Wind kommt auf. Pause.

WILKO seufzt: Am Montag wird er beerdigt, der Onkel. In drei Tagen

Pause.

ROLAND: Montag ist morgen.

Wilko und Kordula sehen ihn an.

WILKO: Morgen schon?... Ach ja...

KORDULA: Stimmt.

Pause.

WILKO: Also morgen wird er beerdigt.

KORDULA zerstreut: Morgen ist Montag...

ROLAND: Fährst du dann nach hause?

Schweigen.

WILKO: Ich weiß noch... an Weihnachten... letztes Jahr. Da haben wir ihm eine Pfeife

geschenkt. Ich und Mandy. Eine Meerschaumpfeife. Mandy kannte sich da aus. Der Onkel hat ihr sowas beigebracht. Wie man Pfeifen stopft und so weiter. Mir hat er’s auch mal gezeigt. Unten locker, nach oben fester. Pause. Sie hat selber manchmal Pfeife geraucht. Sah komisch aus, bei ner Frau. An Weihnachten hat sie die Pfeife dann eingeraucht. Einrauchen, das ist wichtig, wißt ihr. Obwohl der Onkel gesagt hat, Meerschaumpfeifen braucht man nicht einrauchen. Da hat er sich richtig ausgekannt. Das Pfeifenrauchen war so ein Lebensinhalt von ihm. Pfeifenrauchen und Sozialismus. Kurze Pause. Und mit den Pfeifen hatte er ja auch bis zum Schluß seine Freude.

Pause.

ROLAND: Fährst du hin, zur Beerdigung?

WILKO: Ich will schon... Morgen entscheid ich mich... Pause. Hängt vom Wetter ab.

Pause. Wind.

KORDULA: Wo jetzt wohl der kleine Junge ist...

ROLAND: Erfroren oder zuhause.

KORDULA hat nicht hingehört: Wo?

WILKO: Welcher Junge denn?

KORDULA: Den sie vermissen.

ROLAND: Woher weißt du, daß sie ihn vermissen?

KORDULA: Die Mutter war mir sympathisch.

ROLAND nach kurzer Pause: Unser Ministerpräsident war mir auch mal sympathisch.

Pause.

KORDULA monologisch: So ein stilles und liebes Kind...

Pause.

ROLAND: Der Münchener, der letztes Jahr hier Weltmeister wurde, ist vom bayerischen

Ministerpräsidenten per Fax beglückwünscht und zu einem Neujahrsempfang eingeladen worden.

WILKO: Da wär ich gar nicht hingegangen. Jedenfalls nicht zu dem.

ROLAND: Aber zum Gorbatschow, da wärst du gegangen.

WILKO: Klar.

Pause.

ROLAND unglaubwürdig: Ich geh zu gar keinem. Können sie mich ruhig einladen, der

Schröder, Kohl, alle. Nicht mal bedanken tu ich mich!

WILKO: Wofür denn auch bedanken?

ROLAND: Wenn ich auf dem Kuvert sehe: Herr Schröder – werf ich’s sofort

weg!

Pause.

WILKO: Die müßten sich bei mir bedanken. Dafür, daß ich nicht hingehe. Und zwar ohne

Einladung.

Pause.

KORDULA ihre Backe abtastend: Ich glaub, mein Zahn eitert.

ROLAND: Dann reiß ihn aus!

KORDULA: Bist du verrückt, wir sind doch nicht im Mittelalter!

ROLAND: Die Methoden von denen helfen immer noch.

Pause.

WILKO zu Kordula, kleinlaut: Ist vielleicht doch besser, du steigst ab...

ROLAND: Da hat er recht.

KORDULA: Ja, besser für euch!

WILKO: Für uns alle wär’s besser abzusteigen. Aber zusammen und dann teilen. Das wär

gut.

ROLAND: Ja, gut für euch.

Pause. Wind. Wilko dreht an seinem Radio herum.

KORDULA: Genau, mach mal Musik an!

WILKO: Geht nicht. Kaputt. War ja klar.

ROLAND: Was wolltest du denn?

WILKO: Wetterbericht hören.

Pause.

ROLAND: Es werden so minus zehn heut nacht. Hab ich gehört...

Schweigen.

WILKO: Morgen geh ich zur Beerdigung.

ROLAND: Ja?

WILKO: Ja.

Pause.

KORDULA: Komisch...

Pause.

ROLAND: Was?

KORDULA: Ich hab das Gefühl, es ist wärmer geworden... Oder? Schweigen. Die anderen

sehen sie an. Das liegt wohl am Schlafsack... Sie befreit sich ein Stück daraus. Toll, die Dinger. Mir ist richtig warm auf einmal. Oder?

WILKO: Du schwitzt.

KORDULA fährt sich übers Gesicht: Tatsächlich! Ein bißchen... – Na umso besser! Das tut

mal gut... Schwitzen ist gesund!

Schweigen. Pause. Die anderen sehen einander an.

KORDULA: Ich fühl mich auch gar nicht mehr schwach. Pause. Mit nervöser Erschöpfung:

Wißt ihr was? Ich hätte jetzt Lust spazierenzugehn. Eine Riesen-Wanderung durch das Flachland zu machen! Ich hab einen richtigen Hunger danach... Nach Bewegung und Natur und... – einfach so ins Feld laufen, ohne Wege, sich in die Wiesen legen, das Heidekraut riechen und Kiefern und Wacholder und überall... Blumen... und in den lila Himmel hochgucken! Und einfach liegenbleiben... den ganzen Tag... Zum Abend Honigbrote essen und aus der Feldflasche trinken und einschlafen... auf dem warmen Boden, den warmen Wind in den Kleidern, und der Himmel deckt einen zu... wie in einem Zelt mit Mond... wie er ist, wenn man Liebe macht und hochschaut – so groß und nah... Pause. Müde: Morgen steige ich ab... und gehe los. Darauf freu ich mich. Pause. Endlich wieder gehen, wohin man will. Ohne diesen stupiden Zeitplan. Endlich wieder mal frei durchatmen... und sich ausstrecken. Ohne immer unter Aufsicht zu sein, von der Kamera bewacht, mit Kontrollsensoren unterm Hintern. Daß man nur ja nicht aus dem Wettbewerb tanzt... Ich hab auch gar keine Lust mehr auf Wettbewerb. Ihr dürft ruhig gewinnen... Manchmal verpaßt man auch was, wenn man unbedingt gewinnen will... Pause. Sie lächelt. Ja, morgen... Morgen steige ich ab... Morgen laufe ich und schlafe im Moos... Und wie ich schlafen werde! – wie eine Verliebte im Frühling...

Pause. Schweigen.

WILKO sieht nach oben: Es gibt gar keinen Mond heute.

Pause. Stärkerer Wind.

ROLAND wickelt sich in eine Decke oder Plane ein: Wenn dieser Scheißwind nicht wäre!

Pause.

WILKO: Ich klingel jetzt mal beim Betreuer.

ROLAND: Der kann uns auch keine Hütte um die Pfähle bauen.

WILKO: Der kann uns aber den Wetterbericht sagen. Er drückt irgendeinen Knopf. Man hört

nichts. Pause. Schläft wohl. Dasgleiche wieder. Nix.

ROLAND: Hast du gedrückt?

WILKO: Ja. Kommt keiner.

ROLAND: Warte, ich klingel mal. Er tut es. Stille.

WILKO: Und?

ROLAND: Ich hab gedrückt.

Beide sehen zur Hütte.

WILKO: Kommt aber keiner.

ROLAND: Das seh ich. – In Schwaben wären jetzt schon drei da.

WILKO zu Kordula: Drück du mal.

KORDULA unaufmerksam: Was denn?

WILKO: Die Klingel für die Betreuer.

KORDULA: Ich hab schon vor einer halben Stunde geklingelt.

Kurze Pause.

WILKO:Wieso?

KORDULA: Weil mir so kalt war.

WILKO: Ich denk, dir ist warm?

KORDULA unsicher: Ja... auch... Ich weiß nicht mehr...

WILKO: Du schwitzt. Dein Gesicht ist ganz naß.

KORDULA: Ja... ist heiß hier... Sie wickelt sich fester in den Schlafsack.

Pause.

WILKO hat überlegt, schreit plötzlich und winkt zur Hütte: He! Kommt her! Wir wollen

absteigen!

ROLAND: Spinnst du? Ich will nicht absteigen!

WILKO schreit: Hey! Wo seid ihr? Wir wollen runter! Es reicht! Schluß jetzt!

ROLAND: Jetzt halt aber mal die Schnauze!

WILKO schreit weiter: Kommt her! Wir machen nicht mehr mit! Es wird uns zu kalt! Wir

wollen nach hause!

ROLAND fährt ihn an: Halt’s Maul! Wenn du jetzt Panik machst, brechen Sie alles ab!

WILKO: Eben.

ROLAND: Dann war alles umsonst! Dann rücken Sie am Ende gar kein Geld raus! Weil‘s

abgebrochen wurde! Oder es wird geteilt! Dann sitz ich da, und alles war umsonst, ein halbes Jahr, ein krummgehockter Buckel, drei unbezahlte Monate...

WILKO schreit lauter als zuvor: Wir haben eine Kranke! Wir frieren! Wir hören auf! Alle

drei! Uns reicht’s! zornig: Kommt her, ihr Penner! Ende! Schluß! Abbrechen!

ROLAND schreit ihn an: Noch ein Wort und ich komm rüber und schmeiß dich runter! Dann

kannst du im Krankenwagen heimfahren! sprechend, wütend: Wußt ich’s doch von Anfang an, daß ihr mich hier runtertricksen wollt! Du und die Norddeutschen. – Aber ich bleib! Ich gewinne! Und ich teile nicht! Weil ihr nix aushaltet und zu faul seid, wollt ihr mir die Hälfte abjagen! Schmarotzer seid ihr! Jawohl! Teilen wollen, aber selber nix haben! Also bleib ganz still auf deinem arbeitslosen Arsch sitzen, sonst vergess ich, daß ich ein anständiger Bürger bin!

Pause. Windstoß.

WILKO zieht Decke oder Plane hervor: Morgen bin ich weg! Kannst du hier festfrieren,

anständiger Bürger!

Pause.

KORDULA fiebernd: Morgen... wird Frühling sein...

Stille. Auch kein Wind mehr. Kordula lächelt träumerisch vor sich hin. Zögernde Pause. Dann beginnt es zu schneien, mehr und mehr.


Vorhang.



Kommentare:

Doc Holliday hat gesagt…

Sehr geehrtes DWR-Kollektiv,
ein schönes Blog habt ihr da. Aber dieses Pfahlsitzer-Drama hat dazu geführt, daß ich wichtigen persönlichen Verpflichtungen nicht zeitgerecht nachkommen konnte, weil ich sozusagen von meinem Pfahl nicht runterkam. Das wiederum ist schwarze Magie!
Schwarze Magie ist nun ein sehr gefährlicher Inhalt für ein Blog. Vielleicht solltet ihr dieses Drama lieber ordentlich zwischen Buchdeckel verbannen.

mfg
Doc Holliday

DWR - Kollektiv hat gesagt…

Lieber Herr Holliday,

herzlichen Dank. Gerade weil wir bisher der sicheren Überzeugung gewesen sind, daß ein Vierakter an diesem dunklen Ende des Cyberspace niemand zur Lektüre verleiten kann, sind wir freudig entsetzt, womöglich ganze Leben (Nicht-Kommentierender) durch die schwarze Kraft unseres Wortes zerstäubt zu haben. - Doch leider sind alle unsere Versuche, dieses schon sieben Jahre alte Drama auf eine Bühne oder in die Akten eines Theaterverlags zu verbannen, von schwarzmagischen Lektoren, oder Briefträgern, vereitelt worden.

 
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