24.10.2011

Schnupfen

Nikolai Gelmutowitsch Pessokow ist seit Jahr und Tag ein gern gesehener Gast der DWR-Kommune, in der er, mangels auch minimalen Vermögens, häufig nächtigte und propagierend vor sich hinsoff, bevor ihn eine Art böser Wachtraum zum Kräutertee bekehrt hat. Nun säuft und brüllt und prügelt er nicht mehr, nun seufzt und murmelt er nur noch, und niemand nimmt von ihm Notiz.
Sein Tagebuch schreibt er allerdings weiterhin: nur an wenigen, halbwegs optimistischen Tagen im Jahr, wenn er, zumeist in ungereimten Versen, bedeutende Begebenheiten - wie Goethe sie genannt hätte - festhält zur Erbauung für alle Mitgenossen und -goethianer da draußen "im wohlbeheizten Vorzimmer der Apokalypse", wie er zu sagen pflegt.

http://deadwallreveries.wordpress.com/2011/10/24/schnupfen/

Salute!

17.10.2011

Das Gute am Kapitalismus

Wir virtuellen Comandantes, Berufsschmarotzer, Ego-Shooter-Terroristen, Schnäppchennerds und digitalzigeunernden Hedonismusveteranen von der binären Sexavantgarde wissen natürlich, dass der Kapitalismus eine geile Scheiße ist! Aber weißt Du es auch, elektronischer Wanderer? Teste Dein Wissen und mach Dich fit für die Zielgerade unseres Systems:

http://deadwallreveries.wordpress.com/2011/10/16/das-gute-am-kapitalismus/

Wir werden nochmal alles geben!

16.10.2011

Dead Wall Reveries ziehen um!


Liebe Freundinnen, Genossen und Mitinsassen!

Wegen fortgesetzter nicht lösbarer Probleme mit der Software des verabscheuungswürdigen Bloganbieters "Blogger" aka "Blogspot" ist das Autorenkollektiv von DEAD WALL REVERIES kurzentschlossen zu "Wordpress" übergesiedelt - dem Hilton unter den Blogadressen und damit der für unsere Texte adäquaten Unterbringung:

http://deadwallreveries.wordpress.com/

Wir möchte darum unsere mittlerweile zwölftausend Abonnenten an dieser Stelle höflich bitten, uns auch unter der neuen Adresse treu zu bleiben, da sonst die Preise für unsere Werbepartner und damit natürlich auch die Qualität unserer Gedanken sinken würden. Und damit die Überlebenschancen der Menschheit (wir würden verstehen, wenn das für Sie ein Grund wäre, unser neuadressiertes Blog nicht mehr zu abonnieren).
Auch das neue Apartement ist übrigens von Servacius Wuest, unserem IT-, PR- und SM-Spezialisten, gewohnt finster hergerichtet und unserem alten Souterrain detailgetreu nachgebildet worden. Alle Freunde poetisch-violetter Feierabende können also auch weiterhin auf unsere Kosten kommen.


PS: Um der besseren Übersichtlichkeit willen werden künftig alle weiteren DWR-Beiträge auf diesem Blog angekündigt und verlinkt. Warum? Weil es das Nutzlose ist, was wir lieben.

28.09.2011

Generation Frankenstein oder Spielschulden bei der Wirklichkeit

Gehören auch Sie zu jenen Menschen, die sich über ihr eigenes Wesen nicht so ganz im Klaren sind? Haben auch Sie in philosophischen Momenten – auf der Intensivstation, in einer Gletscherspalte oder Montag morgens bei der Wassergymnastik im Rahmen der ARGE-Maßnahme „50 plus – fit für den Job“ – mitunter das Empfinden, Sie wüßten gar nicht so genau, wer Sie sind? Seit mindestens 150 Jahren ist das völlig normal. Wir nennen es ‚Moderne‘. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: seit mindestens fünf Jahren gibt es ein Mittel dagegen. Wir nennen es ‚soziale Netzwerke‘.
Die Online-Community, um eine noch dümmlichere Bezeichnung zu verwenden, ist in Wahrheit, das heißt ökonomisch betrachtet eine virtuelle Massenhaltung mit freiwillig an der Futterrinne der Werbewirtschaft angetretenem Datenvieh. Die euphemistisch ‚User‘ genannten Benutzten beziehen jeder eine ‚Profil‘ getaufte Box und füllen ein paar stereotype Fragebögen mit all den Nettigkeiten aus, aus denen heute so ein digital-urbanes Leben zwischen zwanzig und fünfzig besteht, also Job-Mosaik plus Lieblingsserien. Wobei es ihnen zurecht Spaß macht, dass sie überhaupt noch nach ihrer Meinung gefragt werden. (Wozu vernetzt man sich denn sonst, wenn einen keiner nach seiner Meinung fragt?) Sind die Leutchen soweit eingegliedert, dürfen sie nach Lust und Langeweile ihre digitale Box mit jugendfreien Bildern bekleben und mit politisch korrekten Zitaten verzieren, ihren mehr oder eher minder außergewöhnlichen Alltag auf tausenderlei Arten vermerken, vermessen und verkünden wie Thesen an einem postmodernen Kirchentor, außerdem, least but not last, ihren bei Halbgratis-Spielchen erdaddelten Trophäennebbich ausstellen und mit Leuten, die einen seit der Kindergartenabschlussfeier nicht mehr genervt haben, ansteckungsfrei drauflosmenscheln bis zum Bindehautkatarrh. Klingt doof? Nur, weil ich’s doof gesagt habe. Darum nochmal anders gesagt: hier werden alle Ego-Träume wahr.
Schon das Wort Profil bedeutet nicht weniger als einen klaren Umriss der Person, die hinter dem Schirm sitzt, einen Schattenriss, ein zweidimensionales Portrait also. Wie bei jeder Distanzkommunikation fehlt die dritte Dimension, die räumliche Tiefe, und die Begegnung im Zeitfluss, kurz: die Realität. Ich und die Anderen, das Licht der Welt und mein Schatten, nur diese beiden gegensätzlichen Ebenen konturieren das Image. Jeder Netzwerker wird so zum Schöpfer eines zweiten Präsentier-Ichs, von dessen distinktiven Qualitäten die als 'Freunde' umheuchelten Juroren dieses Selbstoptimierungsprojekts zu überzeugen sind. Jeder sein eigener Frankenstein, der ein Second Me, gewissermaßen seinen Sozialavatar, aus den Leichenteilen eines Bedeutungsuniversums zusammenlumpt, in dem von der Biermarke (Astra!) bis zum Zwölftonkomponisten (Hauer!), von der politischen Theorie (Ordoliberalismus!) bis zur Lieblingsmetropole (Shanghai!) schlichtweg alles als Zutat in der narzisstischen Retorte dienen kann, um sich im individualistischen Wettrüsten günstig vor der Konkurrenz zu positionieren. Im Überangebot der Netzgesellschaft – an potentiellen Partnern, Freunden, Mitbewerbern, Charismatikern – kämpfen bange Privatmenschlein mit ähnlichen Strategien um Aufmerksamkeit wie Unternehmen in der Offline-Ökonomie: Unverwechselbarkeit, ‚Alleinstellungsmerkmal‘ im Marketingdummdeutsch, ist für Produkte wie für Menschen das konkurrenzverdrängende Ideal – und freilich, leider, leider, nicht viel mehr als das, eine Kompensionsvision im Cubicle. Zugleich bleibt man mit seiner Selbstwert-Schöpfung natürlich den gesellschaftlich geprägten Vorstellungen von einem gelungenen Leben verpflichtet, die über Distinktion und Extraordinarität ja doch hinausgehen. Also alle feuchten Träume von Sicherheit, Erfolg und Rückhalt, Coolness, Souveränität und Hedonismus stehen auf dieser Potemkinschen Party zusammen und bestätigen einander, keine Pappkameraden zu sein.
Denn das gilt freilich für jedes PR-Projekt: ohne gläubiges Publikum wird aus einer Mücke keine frohe Botschaft. So gibt’s ohne Zuschauer auch keine Identität. Ohne den Anderen kein Ich. Ohne Spiegel kein Bewusstsein. Denn nicht die einsame Wahrheit zählt, sondern was für wahr gehalten wird. Die Parallelwelt, die dabei entsteht, ist nicht virtueller als die des Finanzmarkts, der Werbung oder der Arbeitsmarktstatistik. In der Marktwirtschaft ist nichts was es ist – sondern alles nur als was es sich verkaufen läßt. Maximale Gewinnspanne bei minimalem Gebrauchswert ist keineswegs Betrug, sondern im Gegenteil – der größte anzunehmende Unternehmererfolg. Der ollen Tante Realität läßt sich noch immer was aus dem Beutel leiern. Solange sie nichts merkt. –

11.09.2011

Frohe Botschaft: Dead Wall Reveries erstehen auf!

[Friedhofsnacht. Vollmond. Ein feister Mittvierziger im Anzug torkelt durch die Eingangspforte und stolpert zwischen den Gräbern umher. Wolfsgeheul. Der Mann bleibt ängstlich stehen, wartet und winkt dann ab. Er zündet sich eine Zigarette an. Er hustet, zieht seine Krawatte aus, lässt sich auf den nächsten Grabstein nieder. Darauf steht: ‚Dead Wall Reveries 2007-2009.‘]
Anzugträger [liest die Inschrift]: Namen haben die Kinder heute! Da weiß keiner mehr, wo vorn und wo hinten ist. [rülpst] Zweitausendneun war ein gutes Jahr zum Sterben. Da wär mir auch einiges erspart geblieben. Und nicht nur mir. Naturkatastrophen, Haiti, Pakistan, Fukudingsda. Krawalle überall, Kirgisien, London, Maghreb, Ägypten. Das Pack kaspert über den Planeten, als würde der schon ihnen gehören. Tut er ja auch. Die sogenannten Schuldenkrisen. Früher alles kein Problem. Der sogenannte Westen – in zwei Jahren abgewrackter als in den zweihundert davor. Oil peak noch nicht erreicht damals, vor zwei Jahren. Deepwater Horizon kannte noch kein Schwein. Kennt jetzt wieder kein Schwein wahrscheinlich… Aber der Dow Jones hatte noch Potential nach oben. Na ja, hat er jetzt nicht mehr. Kann man alles den Hasen geben. Oder den Ratten. Alles – rattenreif! [Er knüpft einen Knoten in seine Krawatte, steht auf und bindet sie an einem Ast fest; danach setzt er sich wieder, greift in sein Jackett und zieht einen Flachmann mit goldenem Euro-Zeichen aus der Tasche.] Drauf geschissen! [Er nimmt einen tiefen Schluck] Und gleich nochmal! [wiederholt das] So, Dead Wall Reveries, jetzt komm ich mal da runter gleich. Oder Moment, da ist noch zuviel drin in dem ollen Fläschchen, um vorher die Kehle zuzubinden. Da könnten wir nochmal anstoßen, wie? [Er stößt mit dem Grabstein an.] Für Gott und Hamsterrrad! [trinkt] Ich bin ja unhöflich. [Er singt:] Wollt Ihr auch was, o edelstes Gestein? [Er stößt an und trinkt. Das Grab erbebt. Zwei Hände wühlen sich hervor, und eine schwarze Gestalt wächst aus dem Boden empor. Sie trägt einen altmodischen Gehrock mit Halsbinde, einen zerrissenen roten Mantel und ein rostiges Florett; das Gesicht ist weiß geschminkt und hat keine Züge.]
Anzugträger [erschrocken]: O Gott, es lebt!
Dead Wall Reveries [erschrocken]: O Gott, ich lebe!
Anzugträger [trinkt schnell aus, steigt auf den Grabstein, greift nach der Krawatte, fällt herunter]
DWR: Darf ich behilflich sein?
Anzugträger: Das würden Sie tun? Ich dachte, Sie wollten mich töten.
DWR: Das kommt, wie ich sehe, auf eins raus.
Anzugträger: Ja… Wollen Sie vielleicht noch schnell wissen warum?
DWR: Nein.
Anzugträger: Nein?
DWR: Es gibt so viele gute Gründe. Ich bin sicher, Sie haben nach über vierzig Lebensjahren inzwischen auch einen davon entdeckt. [DWR hilft ihm auf den Stein und hält seine Beine fest.]
Sie stehen sicher wie ein Turm.
Anzugträger: Sehr gut. Moment… [Er nestelt sich die Krawatte über den Kopf und steht dann absprungbereit.] Wollen Sie’s wirklich nicht wissen?
DWR: Darf ich raten?
Anzugträger: Nein! Oder – na gut. Aber ich unterbreche Sie sofort, wenn Sie falsch liegen.
DWR: Es hängt mit den zeitlichen Umständen zusammen…
Anzugträger [unterbricht]: Aber die kennen Sie doch gar nicht! Sie waren tot!
DWR: Die Toten sind auch einmal gestorben, und die Umstände haben sie selten davon abgehalten.
Anzugträger [würgt]: Könnten Sie bitte aufhören, so an mir zu ziehen? Jedenfalls noch einen Moment…
DWR: Oh, Verzeihung. Unbewusste Christlichkeit. Darf ich fragen, wie Sie’s mit der Arbeit halten?
Anzugträger: Ähm, gut. Also ich habe viel gearbeitet. Ich bin – ich war Volkswirt bei einer Autobank.
DWR: Dachte ich mir. Das Volkswirtsterben hat begonnen…
Anzugträger: Ja, wissen Sie. Der Export ist –
DWR: Ich weiß, und es interessiert mich nicht.
Anzugträger: Natürlich. Sie sind ja tot.
DWR: Der Tod ist jetzt nicht das Thema, sondern Ihr Leben. Sie waren Volkswirt. Ihr Vater hat Ihnen diesen Studiengang nahegelegt, weil Sie gut rechnen konnten und fleißig waren. Ihr Vater war auch schon fleißig und konnte gut rechnen. Mit Ihrem Abschluss haben Sie ihn stolz gemacht. Auf Ihrem Bewerbungsfoto sahen Sie aus wie ein Schlips mit Augen. Die Inkarnation des Konformen. Ihre Interessen: keinen Ärger und keine Ästhetik. Sie hechteten in die Arbeit und machten Ihre Vorgesetzten genauso froh wie Ihren Vater, Ihre Lehrer, Ihre Aktionäre, Ihren Staat und Ihre vielen Versicherungen. Sie haben eine Frau geheiratet, die Traditionen schätzt und keine Hunde im Haus mag. Zuhause dann gemeinsame Fernsehabende, geregelten Geschlechtsverkehr, Alkoholkonsum, einmal jährlich Urlaub, Familienbesuche. Freude vor allem träumend. Immer wieder die Frage: wohin mit dem Scheißgeld? Also Eigenheim, Teutonenschlitten, Aktien. Ein Kind haben Sie wahrscheinlich nicht, sonst würden Sie jetzt nicht hier hängen. Kinder sind ja oft die einzigen Argumente für die kreisrunde Leere, die sich der ausgelaugte Hamstervater einbildet zu haben. Dann noch ein bisschen Makroökonomie. Nationen, die die saure Ernte ihres Menschenviehs jahrzehntelang an die Bauern und Züchter verschenkt haben, tun plötzlich so, als würden sie sparen, um vor Leuten wie Ihnen wieder als glaubwürdige Verschenker dastehen zu können. Bis dahin muss noch mehr geerntet und kann weniger verfüttert werden. Das Vieh fällt als Handelspartner aus, und die Bauern haben alle schon ein Auto. Also sagt der Chef zu Ihnen – nein, arbeitslos werden Sie natürlich nicht, zu ihrem Unglück, muss man sagen. Aber ihre Aktien fallen, der federnde Gang fällt schwerer, es bleibt mehr Zeit zum Sinnen und Spinnen, was man so alles hört und liest, werweiß werweiß waswird waswird, Ergänzung der üblichen Besinnungsorte Ampel, Bett, Computertomograph, auch ihre Frau langweilt sich, alle machen sich Sorgen oder pflanzen sich fort oder pflanzen sich fort und machen sich dann noch mehr Sorgen, Alternative: unfruchtbar und unterfordert, manche werden krank, manche sterben in aseptischen Räumen, nichts Ungewöhnliches, doch Ihnen macht Ihr Durst zu schaffen, der Schlaf flacht ab, die Träume werden länger, im Urlaub regnet es, zuhause grüßen die unerledigten Aufgaben, Termine, Verträge, Freunde, die zuviel angeben, man schaltet ab, man kann sich schlechter konzentrieren, man lässt sich therapieren, man macht weiter, nur die Jobs ändern sich, die Hände, die man schüttelt, variieren leicht nach Feuchtigkeitsgrad, alles schmeckt gleich, Abenteuer: als im Büro der Strom ausfiel, Glück: vorm Aufwachen mit Erektion, Hoffnung: dass alles so bleibt, und es scheint gar keinen Unterschied zu machen, ob die Kurse fallen, wie das Klima, die Ressourcen und wie sicher die Welt, die man ja nicht einmal kennt, die wohl unbegreiflich ist, nicht einmal Stephen Hawking – und da springt die Ampel um, Magengrimmen und Ekzeme, sonntags joggen, sagt der Arzt, mindestens, sich fit halten, sagt man, leistungsfähig bleiben, arbeitsfähig, Liebe: nächste Frage, abwesende Einkaufsbummel, Verpackung und Ballast, „der Tod ist meine Droge“ damals im Theater, dieser Unfug, Opern zu subventionieren, morgens Haferschleim, über Mittag zum Arzt, abends Ordner und Rechnungen, Gebrauchsanweisungen im Bett, der Vater mit Tränen in den Augen an Ihrem Geburtstag, „was du erreicht hast“, und Sie mit der Hand an der Gastritis oder was es sonst noch sein kann, am Mittwoch die Ergebnisse, gesund wie ein Fisch, sagt sie, im Golf von Mexiko, erwidern Sie, was kann man schon falsch machen, wenn man tut was alle tun, Glaube: an Genauigkeit und Organisation, „Was heißt das, Sie wissen es nicht genau? Sie sind doch Arzt!“, zuviel Aspirin wahrscheinlich, zuviel Ethanol, zuwenig Steigerungen der anderen Art, Anämie ist eine zivilisatorische Ressource, nicht unbegrenzt verfügbar, immer diese Momente des Nichtverstehens, der Spannungslosigkeit, der Geruch von Brillenputztüchern (ihre Obsession), und immer diese unerträgliche Sauberkeit, die stummen Möbel, die weißen Wände und dieses wattig weiße stumme schlechte Wetter, selbst zum Erbrechen reicht es nicht, Sie werden müder und müder, weil alle mit ihnen und Sie mit allem zufrieden sind, die Aussicht auf Heroismus ist verstellt, die Euphorie selbst aus den Charts gewichen, Brandmauern überall. Nicht wahr?
Anzugträger [wie hypnotisiert]: Alles – wahr. [Er springt / rutscht ab. Singt laut:] Schon häng ich mit zappelnden Beinen am Ast!
DWR [singt laut:] Die Wahrheit ist stets eine schwere Last!
[DWR hält seine Beine fest und zieht gewaltsam daran. Stille. DWR lässt los, wischt sich die Hände am Rock ab, sieht sich um, stößt seinen Grabstein mit dem Fuß in die leere Grube und verlässt den Friedhof. Der Tote schwankt knarzend am Ast. Wolfsgeheul.]

25.09.2009

Statt Lichtung und Wahlheit: Bundestagswahren! - Warum man wen nicht wählen sollte



Wenn man schon ohne Lohn schreibt und damit das Recht auf freie Meinung erkauft, also nicht dem Chef, dem Eigentümer, dem Leser nach dem Maul reden zu müssen, sollte man es doch gewißlich unterlassen, auch nur einen ernstnehmenden Satz zur Nachrichtenbeschaffungsmaßnahme 'Bundestagswahlen' von sich zu geben. Eine gut begründete Meinung – und dennoch: werch ein Illtum! Sind auch die Machtverhältnisse durch noch so wechselnde Regierungszusammensetzungen nicht mehr als im geringsten zu ändern, da sie eben ökonomische und keine Relationen der Kreuzchenaddition sind, und mögen Lechte und Rinke hinsichtlich ihrer realen politischen Auswirkungen auch noch so verwechselbar sein, so sind sie es doch nicht hinsichtlich dessen, woraus zwar nicht die Politik, durchaus aber der Wahlkampf eigentlich besteht: ihrer Sprache nämlich, ihrer parole. Ein Wahlkampf hat größere politische Bedeutung als die ausgegangene Wahl selbst: 'Bedeutung' nicht gemessen an der vorgespielten Veränderung, der neuen Zusammensetzung des Parlaments, sondern als Bedeutung der im politischen Raum stattfindenden Kommunikation verstanden. Im Wahlkampf läßt sich erlauschen, welche Märchen zur (späten) Stunde an der Wiege der Gesellschaft vorgetragen werden – und welche man warum vermeidet.

Ein geradezu Grimmsches Faktum ist es, daß noch immer über sechzig Prozent der Deutschen dieselben Regierungsparteien wählen wollen, die sich zur Banken- und Wirtschaftskrise so verhalten wie der Elefant zum zerdepperten Porzellan. Ein Beispiel: auf europäischer Ebene hat man lange um den Eigenkapitalanteil gerungen, mit dem eine Bank ihre Spekulationsgeschäfte abzudecken hätte; begonnen haben die Verhandlungen bei zwanzig Prozent, geeinigt hat man sich, nach wirkungsvoller Lobby-Arbeit, bei fünf. Bedenkt man, daß vor einem Jahr das Zehnfache des Weltbruttoinlandsprodukts in Derivaten im Umlauf war, also – um das nur grob zu vergleichen, denn es handelt sich nicht um dieselbe Relation – immerhin zehn Prozent des fiktiven Kapitals durch die globale Wirtschaftsleistung gedeckt war, dann wird deutlich, daß fünf Prozent Eigenkapitalanteil für Bankgeschäfte unzureichend, ja lächerlich sind. „Klug aus der Krise“ kommt durch solche konformistischen Entscheidungen niemand – im Gegenteil, sie stunden die Lösung des Problems eine weitere scheinstabile Phase lang und bereiten im Grunde schon die 'nächste' Krise vor. Die kürzlich von Staaten überall auf der Welt mühsam beglaubigte Kreditwürdigkeit der Banken ist in Anbetracht der immensen Neuverschuldung derselben Staaten eine wahrlich porzellanene. Die Industriestaaten geben den Banken Kredit und umgekehrt, während die Schulden stetig wachsen. Gedeckt ist hier schon lange nichts mehr: das Fünfzehnfache der globalen Goldproduktion (!) wäre nötig, um allein das amerikanische Handelsdefizit auszugleichen. Nichts ist sicherer als vorher, und jede Chance, etwas sicherer zu machen, versäumt worden. Aber wahrscheinlich kann man vom deutschen Durchschnittswähler – Ausbildung oder Lehre, IQ 100, verschuldet, Übergewicht, mittelmäßige bis schlechte Arbeitssituation, Stress, Schlafstörungen, Rückenschmerzen, zwei Mal wöchentlich Beischlaf (Orgasmuszufriedenheit bei 67 %), Alkoholismus, Bildzeitung, Schlager, 8,9 Bücher pro Jahr und drei von vieren stolz, Deutsche zu sein, ihr häufigster Alptraum: Sturz in die Tiefe – nicht erwarten, daß er ein begründetes Urteil über die Finanzpolitik seiner Regierung abgibt. Denn, um den Zentralbankpräsidenten Jean-Claude Trichet zu zitieren: „Wir versuchen zu verstehen, was los ist. Aber das ist eine sehr, sehr große Herausforderung.“ Gute Zeiten für Märchen also.

Das weiß auch der Juniorgegner der Kanzlerinnentruppe: die Partei der Massenenteignung von Arbeitslosen und des Angriffskrieges zugunsten kosovarischer Föten hat sich bereits anläßlich der Europawahl mit an die allgemeine Blödheit anbiedernden Motiven wie „Finanzhaie würden FDP wählen“ – mit einem aus der Uniform des bösen Börsenbuben hervorgrienenden Haifischkopf, entmenscht zum Spott des kleinen Mannes – als exakt so platt wie ihre Tradition erwiesen. Für die anstehende Marsch-„Richtungswahl“ (Steinmeier) hat sich die SPD wohl ihrer glorreichen Vergangenheit als Sammelbecken patriotischer Kleinbürger erinnert, die ihren Pazifismus nicht etwa über Bord warfen, um eine Oktoberrevolution zu gewinnen, sondern um dem Kaiser Wilhelm II. im Reichstag jene Kriegskredite zu bewilligen, mit denen eine der größten Katastrophen der Geschichte finanziert wurde. 1933 dann johlten sie Seit' an Seit' mit den lauteren Kameraden, die die Chorknaben nichtsdestotrotz bald verfolgen und vergasen sollten, das Deutschlandlied. Nicht anders bei der sog. 'Wiedervereinigung', wo man sich vor lauter Einheitswallungen unterm gesammelten Germanenpack im Bundestag nicht mehr auf den Sesseln halten konnte und unter Tränen der Verblödung ein weiteres Mal die fatale Hymne absang. Sozialdemokraten segeln traditionell unter den Flaggen der Mächtigen mit: man nahm die abgerissenen Kerlchen, die in Holzbaracken oder Mansarden aufgewachsen waren, auch immer gerne auf, weil man als Mächtiger doch wußte, daß niemand dienst- und dankbarer ist als ein von seiner Herkunft geplagter Streber. Gesindel von schlechtem Ruf, das ihn loswerden will, schrubbt bereitwillig das Deck, nur damit sie niemand als Drückeberger verdächtigt. 'Überkompensation' nennt man das: sozusagen das psychosozial-politische Herz der Sozialdemokratie. Bewußtsein, Selbstkritik und Theorie stören da nur. Das erahnte schon Gründervater August Bebel, der nach anfänglichen Ambitionen in Marxismus und trotz brieflicher Erläuterungen von Friedrich Engels „Das Kapital“ entmutigt aus der Hand legte und die SPD bald ohne die Wissenschaft am Sozialismus in eine abschätzbar unsozialistische Zukunft führte – ganz Vorläufer des hermdsärmlig-praktischen 'Machers' und 'Gestalters', als den sich sämtliche sozialdemokratischen Kanzler später zu stilisieren versuchten. Steinmeier ist nur eine weitere, besonders brüchige Ausstülpung dieses Förmchens aus dem Sandkasten der ostentativen Realpolitiker im Willy-Brandt-Haus. Alles Nötige über das der Sozialdemokratie immanente Scheitern ihrer Prinzipien kann man aber schon bei Rosa Luxemburg nachlesen, und wir brauchen es hier nicht schlechter zu wiederholen.

Derart rückbesinnlich ist die SPD in diesem Wahlkampf, daß sie selbst die mühsam angesparte Brioniwürdigkeit aus Schröders Zigarren-Kanzler-Jahren gegen den Blaumann des guten Deutschen tauscht, wenn unterm unfrohen Macherlächeln ihres Kandidanten die kommandokurzen Sätze plakatiert sind: „Anpacken. Für unser Land.“ Damit hat die SPD sich endgültig zum reaktionärsten Schlagwortclub diesseits der NPD hinunterkompensiert. Selbst die CDU war in ihren letzten (Bundestags-!)Wahlkämpfen nicht derartig dummdeutsch und blaumännisch-humpenhaft. Sollte die Wirtschaftskrise bei den SPD-Werbetrotzkis die ideologische Hemmschwelle derart gesenkt haben, daß man die WählerInnen schon bereit zur patriotischen Selbstaufgabe einschätzt? (Man kann die Deutschen hierin ja kaum unterschätzen...) Folgt auf das unscheinbare, urdeutsche Wörtchen „anpacken“ endlich das lange geplante 'Sanierungsprogramm', das dreistellige Milliardenschulden, die der Klientelstaat bei den Banken für die Banken gemacht hat, bei der wackeren Bevölkerung wieder eintreibt? Wer mit mir dagegen wettet, den nenne ich einen Hypothekenhändler.

Wo die FDP formulieren läßt: „Deutschland kann es besser“ (was eigentlich?), kleistern die Nationaldemokraten: „Unser Land kann mehr.“ Dabei scheint man inzwischen selbst im Sibirien der Parteienlandschaft, das heute DIE LINKE heißt, eingesehen zu haben, daß ein Proletarier kein Vaterland hat; sie nämlich wirbt mit dem Sprüchlein: „Damit es im Land gerecht zugeht.“ Im Land? Klingt das nicht seltsam? Man scheint bei Lafontaines unterkompensierenden Sozialdemokraten tatsächlich den seltsamen Klang um der Vermeidung eines patriotischen Possessivpronomens hingenommen zu haben. Unter Honecker hätte es das nicht gegeben. Auch der Slogan „Reichtum für alle“, laut Gregor Gysi als Provokation gedacht, macht einer Partei durchaus Ehre, in deren historischer DNA die realsozialistisch verordnete Ächtung von Freizeit und Wohlleben fortwest. Wir sagen es unvorsichtig: dieses Plakat, das den Unwillen so mancher Realismuseiferer erregt hat – die die Abschaffung des Sozialneids schon deshalb als Katastrophe ansähen, weil es dann keine armen Schweine mehr gäbe, vor denen sich die neurotische Ödnis ihres Bessergestelltseins als exotisches Karriereabenteuer ausnähme – kann neben dem SPD-Werbe-Machwerk als morgenroter Abglanz von Fortschrittlichkeit und Hoffnung durchgehen. (Der triumphierende Einwand tumber Beobachter, daß dieser Slogan mit der Forderung "Reichtum besteuern" ja gar nicht zusammenpasse, erinnert mich an die naive Freude, mit der manch strebsamer Gymnasiast die Zeichensetzung Kafkas kritisieren mag. Schließlich liegt hier nicht einmal ein Schein-Widerspruch, geschweige denn ein durch Disambiguierung nicht lösbarer vor: warum sollten nicht alle 'reich' sein, nämlich am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben, gerade weil dieser in gerechtem Umfang durch die öffentliche Hand geht ? Unbegreiflich für den reputablen Überstundendandy...)

Bevor jedoch ein falscher, versöhnlicher Eindruck entsteht, muß schnell ein Satz hinzugefügt werden, den das MdB Paul Schäfer (man beachte die Gitarre, Symbol des Weltfriedens, oben links auf seiner Homepage!), ehemals DKP-Aktivist, nun arriviertes Mitglied der Fraktion der LINKEN, kürzlich über die Marktwirtschaft herausließ, als ihn ein Schelm auf die DKP ansprach (ganz im Gegensatz zur NSDAP die einzige Partei, für deren Mitgliedschaft sich in der BRD noch wirklich geschämt wird): Für ihn hat sich nämlich „der Markt als ein effizientes System der Güterproduktion erwiesen“. Geäußert am 28.11.2008, hat sich mitten in der Bankenkrise Schäfers Markt als „effizientes System der Güterproduktion“ erwiesen – ein wahres Nordkorea von Weltabgeschiedenheit im kahlen Schädel dieses Mannes! Die Lektüre der sozialistischen Klassiker scheint in der DKP schon sehr lange nicht mehr üblich zu sein, sonst wäre Schäfer zumindest diese eine grundlegende Erkenntnis geblieben, daß Marktwirtschaft nichts anderes bedeutet als die Verzufälligung der Güterproduktion unter den Bedingungen des Konkurrenzprinzips: wer was produziert ist in der Regel allein der Spekulation des Produktionsmitteleigners überlassen – der spekulative Charakter durchzieht den freien Markt von der Bäckerei bis zur Börse, und wie „effizient“ dieses Wetten auf Angebot und Nachfrage ist, war nicht erst vor einem Jahr, sondern schon vor hundertfünfzig klar. Man muß nur sehen wollen, das heißt nicht fürs Blindsein eine Diät von antikommunistischen Institutionen erhalten. Schäfer – und man darf ihn hier wohl im Einklang mit dem programmgebenden Teil seiner Partei verstehen (zu dem leider nicht Sahra Wagenknecht gehört, der Dorn im blinden Auge der LINKEN) – abschließend zum Markt: „wir werden ihn nicht abschaffen wollen“.

Dachten wir uns schon. Den Lorbeer der Geschichte müssen dann wohl doch andere aus dem Dreck fischen. Im Hohen Haus jedenfalls angelt man sich höchstens ein paar samtweiche Schlappen – oder, wie es zu Kohls Zeiten noch so schön alarmierend hieß: rote Socken.




 
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