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06.12.2008

Die Kirche im Dorf - Pro und Contra. Ein Adventsbeitrag.


Es gibt Autoren von solcher offenbaren Nichtigkeit, daß es schon ein Verriss ist, wenn man zu ihren Texten schweigt. Gegen sie zu polemisieren sollte nur in der Adventszeit erlaubt sein. Um die christlich-bürgerliche Kadaverharmonie durch eine partisanische Greueltat zu erschüttern, die unter anderen Umständen unmenschlich wäre... Auch der Einwand, manche hohlen Ziele seien gewissenhafter Polemik gar nicht wert, muß im folgenden mißachtet werden. Denn zum Anlaß für Nettes muß ja nicht nur Nettes, sondern kann und sollte Alles und Nichts werden. Und sowenig wie es 'unwertes Leben' gibt, gibt's eine unwerte Polemik.

Das findet auch der bestbezahlte deutsche Zeitungspraktikant und Sprachrowdy Benjamin von Stuckrad-Barre, dem wir hier erstens nicht weiter die Ehre antun wollen, ihn bei einem so komplexen Namen zu nennen, den auszuschreiben zweitens viel zuviel Zeit verschwendet, so daß wir ihn ab jetzt schlicht Benji nennen werden – ein Nämchen wie ausgedacht für einen professionell pubertierenden Literaturbetriebsbengel. Dem preiswerten Herrenmagazin „Cicero“ hat er irgendwann ein Interview gegeben, in dem sich der Junge ganz schön doll über diejenigen beschwert, bei denen er früher seine Gummibärchen verdient hat, und auch über alle anderen, zu denen ihm nichts einfällt. Darin, daß ihm nichts einfällt, auch zu sonst allem, besteht gewissermaßen seine Sendung: Benji zeigt all denen da draußen, denen auch nichts einfällt, daß selbst sie es schaffen können, dafür auch noch bezahlt zu werden. Damit hat er eine wichtige Position in der Öffentlichkeitsabteilung der kulturindustriellen Müllverbrennung inne.

Ihren Ausgang nahm die dialektische Karriere (das ist eine Karriere, die durch die Person dessen, der sie macht, widerlegt wird) Benjis von zufällig veröffentlichten Schülerstories über Pickel und Liebe mit der stilistischen Aura eines Beipackzettels für Abführmittel. Das meiste seiner Bravoprosa, die gern mit dem Wörtchen 'Pop' etikettiert wird, weil das besser aussieht als 'einlagiges Toilettenpapier' und viel besser paßt als 'Literatur' ohne Pop, ist vom solide-alltäglichen Einfallsreichtum, sagen wir 'mal, eines Mannes, der in seinen Timer unter Montag: „16.30 Zahnarzt“ schreibt. Also einfach, direkt, spontan und autobiografisch. Dorfjugendliche und solche, die es geblieben sind, stehn drauf. Wem Grass halt zu krass ist, der findet seinen knappen Geist in Benjis Sätzen wieder. Er ist der DJ des deutschen Kinderbuchs, und der Beat seiner Schreibe hält in jedem Moment die Amplitude zwischen Trotzphase und Klassenclown. Enden wird seine Karriere sicher dort, wo dialektische Karrieren eben enden: im Wühltisch, im Müll, im Fernsehen, in der Reha – also dort, wo sie schon vorher hauptsächlich stattfand.

In besagtem „Magazin für politische Kultur“ hat Benji fünf erwähnenswerte Sätze fallenlassen, die uns haben aufhorchen lassen und das Fadenkreuz der DWR-Gesinnungspartisanen in seine Richtung lenken mußten (keine Angst: wir schießen nur mit Tintenpatronen!). Diese Sätze haben ihrerseits die mit uns weder paktierende noch befreundete telegene Kommunistin Sahra Wagenknecht zum Ziel und lauten wie folgt:


Aber es geht auch noch schlimmer [als Andrea Nahles, DWR]: Vor kurzem saß ich im ICE von Berlin nach Hannover, in der ersten Klasse, und ein paar Sitze weiter saß Sahra Wagenknecht. Die hätte ich ganz gern in die zweite Klasse umverteilt.


Und am Ende des Gesprächs:


Gut fände ich es, wenn die NPD verboten würde, desgleichen Sahra Wagenknechts kommunistische Plattform. Wer sich offensiv gegen unser insgesamt hervorragendes System richtet, dem sollte das Rederecht entzogen werden und auch die Parteienfinanzierung. Im demokratischen Rahmen aber freue ich mich über jede Art von Zuspitzung, allein aus dramaturgischen Gründen. Aus Versehen führt das nämlich hin und wieder zu wahrhaftigen Momenten.


Den letzten Satz kann man zwar auf zwanzig Arten besser sagen, aber auch so stimmt er – sogar so weit, daß sein Sprecher, aus Versehen ihn bestätigend, es gar nicht merkt: Wahrheit ist von derart in die eigene Neurosen- und Ressentimentstruktur verstrickten Bewußtlosen immer nur „aus Versehen“ zu hören, als 'Wahrheit der Krankheit'. Und selbst ein gedankenleeres Haupt wie das unseres jungen Freundes aus der Papierindustrie kann interessant sein, sobald man eine diagnostische Perspektive zu ihm einnimmt, ihn also ernst nimmt als 'Fall'.

In seiner polemischen Zuspitzung offenbart der rhetorisch freche Lausejunge nämlich, welch gehorsames Kind er tatsächlich ist. Hinter dem narzisstisch-lässigen Gequengel steht ein ichloser Ausbund der Erzogenheit. Ein angepaßter Pastorensohn, der sogar von den ihn umgebenden Erwachsenen noch mehr Anpassung einfordert. Denn Ordnung ist für ihn schon schwer genug zu halten und zu überblicken, und wer das reale Puppenhaus auch noch gründlich ummodeln will, der (oder die) zieht sich den Haß des braven Knaben zu. Den Stellvertreter-Haß des kleinen Wächters, der auf das große Haus stolz ist, vor dem er frieren darf... Wieso dürfen Kommunistinnen überhaupt in der ersten Klasse fahren? braust es aus dem Pop-'Dandy' hervor. Sollte etwa seine ganze Arschkriecherei und Medien-Mitläuferei, all die an sich selbst exerzierten Demütigungen seines masochistischen Ego-Stummels umsonst gewesen sein, wenn man auch als radikale Nonkonformistin und aufrechter Mensch in die erste Klasse gelangen kann? Das darf nicht sein und muß verboten werden! – Hach, welche altbekannte Frische weht in der jungen deutschen Literatur, diesmal zur selbstlosen Verteidigung der verordneten Demokratie. Wer freilich den „demokratischen Rahmen“ so eng setzt, daß derjenigen umstandslos das Rederecht verweigert werden solle, die „unser insgesamt hervorragendes System“ negativ bewertet – eine Bewertung, deren polit-ökonomische Argumentation sich weit in der nie erlebbaren Zukunft von Benjis geistigem Entwicklungsstadium abspielt – und so die Arbeit des Verfassungsschutzes noch besser, ordentlicher machen will, der vertritt ganz offensichtlich eine autoritäre Auffassung von jenem („unserem“) System, mit dem er sich so gerne und vergeblich gleichzusetzen wünscht, die seinen demokratischen Rahmen verlassen hat. Nicht in die Richtung einer demokratischeren und freieren Welt natürlich – aber nein, wer käme denn in unserer hervorragenden Zeit auf die Idee? – sondern in die entgegengesetzte.

So wie es Hippiesöhne gibt, die schlechte Berufssoldaten werden, weil sie sonst künftig nichts Eigenes vorzuweisen fürchten, so gibt es auch die Pastorensprösse, die zu dollen Aufmischern werden wollen: da wird dann schonmal sonntags im Bett liegen geblieben, statt in die Kirche zu laufen, oder expreß ein Kaugummipapierchen aufs Pflaster fallen gelassen etc. Aber keine Angst, Vati, die Kirche lassen sie im Dorf. Und wer sie mal eben im Vorbeigehn anpissen will, dem sagen sie: hey Mann, muß das sein? Find ich nich' so superokeh, ehrlich. Und wer erst die Kirche abreißen und Papi arbeitslos machen will, dem zeigen sie, wes Beffchens Kind sie sind! Wie alle Rebellen, die Provokation statt Kritik üben, kehren sie spätestens dann in den Schoß des Althergebrachten zurück, wenn die Wirklichkeit und Folie ihrer Rebellion tatsächlich erschüttert zu werden droht. Bleibt diese Drohung aus, werden sie trotzdem ein Abbild ihrer Väter, die sie auf dieses Ziel hin erzogen haben, und folgen der ihnen vorgegebenen Entwicklung gemäß der väterlichen Strenge, für die das Aufbegehren nur ein Symptom ist. So daß am Ende alle Schäfchen und Dörfler ruhig aufatmen können, ihre Benjis tätscheln und wahrscheinlich Sachen sagen wie: ein Lausebengel, aber doch ein guter Junge. (Dazu paßt jener peinlich vieldeutige Akt, den Benji bei der Leipziger Buchmesse vorführte, als er Helmut Kohl um ein Autogramm bat, indem er vor dem CDU-Altkanzler auf die Knie fiel...)

Daß die jüngste deutsche Literatur durchaus mehr zu bieten hat als solche Schießbudenfiguren für die Heckenschützen der Polemik-Guerilla, darf am Ende unseres Adventsbeitrages nicht verschwiegen werden. Auch das Phänomen 'Pop', durch die US-Kultur des 20.Jahrhunderts längst ästhetisch geadelt, als Begriff in Deutschland aber vor allem ein Etikett für Nischen der Unfähigkeit und Post-Pubertät, ist selbst hierzulande seriöser als Romane übers Plattenhören. Das beweist zumindest Dietmar Dath, der ehemalige Spex-Chefredakteur, FAZ-Mitarbeiter, Romancier, Essayist und Wissenschaftsautor, nicht nur in seinem jüngsten Interview mit einer hausbacken provokanten „Welt-Online“. Hier kann man auch nachlesen, wie in Krisenzeiten nur über Kommunismus gesprochen werden kann, wenn man sich das Recht aufs eigene Gehirn nicht längst hat rauben oder abkaufen lassen.



03.11.2008

Matt mit Marx

Anläßlich der eben zuende gegangenen Weltmeisterschaft im Königsmord hier eine Partie aus dem Jahre 1867, die bei „einer Gesellschaft des Schachmeisters Gustav R. L. Neumann“ zwischen zweien seiner Gäste stattfand, deren einer ein gewisser Meyer war, der gegen einen anderweitig bekannt gewordenenen Königsmörder aufgeben mußte, in dessen aktuellster Biographie man die Aufzeichnung dieser Partie auch nachschlagen kann (Francis Wheen: Karl Marx. München 2002). Marx spielt Weiß:


1.e2-e4 e7-e5
2.f2-f4 e5 X f4
3.Sg1-f3 g7-g5
4.Lf1-c4 g5-g4
5.o-o g4 X Sf3
6.Dd1 X f3 Dd8-f6
7.e4-e5 Df6 X e5
8.d2-d3 Lf8-h6
9.Sb1-c3 Sg8-e7
10.Lc1-d2 Sb8-c6
11.Ta1-e1 De5-f5
12.Sc3-d5 Ke8-d8
13.Ld2-c3 Th8-g8
14.Lc3-f6 Lh6-g5
15.Lf6 X Lg5 Df5 X Lg5
16.Sd5 X f4 Sc6-e5
17.Df3-e4 d7-d6
18.h2-h4 Dg5-g4
19.Lc4 X f7 Tg8-f8
20.Lf7-h5 Dg4-g7
21.d3-d4 Se5-c6
22.c2-c3 a7-a5
23.Sf4-e6+ Lc8 X Se6
24.Tf1 X Tf8+ Dg7 X Tf8
25.De4 X Se6 Ta8-a6
26.Te1-f1 Df8-g7
27.Lh5-g4 Sc6-b8
28.Tf1-f7 Schwarz gibt auf.


Nächste Woche an dieser Stelle: Lenins Blitzpartie gegen Zar Nikolaus II.

20.08.2008

Kranke Gammler und gesunde Streber



Schon die Namen des Gourmet-Doppelpacks, das die Bildbände „Reiseziele für Lebenskünstler“ zu verantworten hat, klingen wie ihre Schreibe: Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer verstehen unter 'Lebenskunst' weniger die Fähigkeit, das Beste aus etwas zu machen, als vielmehr das Beste dort zu 'entdecken', wo man weniger Künstler als Filialleiter vermutet – nämlich da, wo's teuer ist. Teuer ist natürlich keine Schande. Und nichts gegen Filialleiter. Aber wenn schwäbische Obstbauern („...leben und arbeiten auf ihrem Apfelgut im Schwarzwald“) bei Gourmets sitzen und dann noch drüber schreiben dürfen, kommen Texte raus, die H.G. Wells-Leser und Freunde des gepflegten Zombie-Films an drastische Illustrationen des Klassengegensatzes erinnern: Krankheit und Tod sind keine menschlichen Phänomene, sondern proletarische bzw. untermenschliche.

In Meuths und Neuner-Duttenhofers Prachtband zu BERLIN (2000), der mir heute in der Stadtbücherei Hamburg-Blankenese nach einem Austernessen in die Hände fiel, steht folgendes im Klappentext:


„Berlin – ein Reiseziel für Lebenskünstler? Noch vor fünf Jahren kaum. Es gab schöne Hotels, ein paar gute Restaurants, die lebendige Kunstszene. Aber niemand konnte sich vorstellen, dass Berlin so rasch das gastronomische Zentrum Deutschlands werden würde. Der Kiez der bleichen Stadtneurotiker und Latzhosenmütter in den Szenekneipen mit Pizza, Gazpacho und Muffins bekam Konkurrenz von vitalen, sonnenbraunen Medienmachern, lebenshungrigen Showleuten, ausgehfreudigen Politikern und Diplomaten, selbstbewussten Karrierefrauen und taffen Sekretärinnen, die während der Mittagspause im trendigen Bistro lunchen und abends im cool ausgestatteten Restaurant exquisite Sterneküche geniessen wollen.“


Bleiche bekamen Konkurrenz von Vitalen – so soll das sein! Mit Darwin und Mussolini heben wir die Champagnerkelche und toasten auf das Konkurrenzprinzip, die braune Sonne und kommende Pestkolonien für Pizza-Neurotiker!





31.03.2008

Heidegger liest Marx



Vor Unzeiten, sozusagen als intellektuelles Embryo, hörte ich in Mainz eine Vorlesung über die Philosophie Martin Heideggers bei einem Professor namens Hans-Martin Gerlach, zu dessen Schwerpunkten neben Marx und Nietzsche eben leider auch die sogenannte Existenzphilosophie gehörte (deren Hauptaussage, ohne zu untertreiben: die Krisenhaftigkeit des menschlichen Daseins ist – als ob das überhaupt schon eine Aussage, in einem normativen Sinne, wäre und nicht schlicht eine formulierte Stimmung, die auch wortlos evident wäre, eine filosofische – jedenfalls nicht philosophische – Gefühlslage, die ihrerseits erst erklärender und damit relativierender Aussagen bedürfte). In dieser zwischen Leben und Werk bunt changierenden Vortragsreihe gab der Herr Professor, ein jovialer, grundsolider, sächselnder Vorleser, zum Beispiel einmal die Anekdote zum besten, nach der Heidegger mit zwei anderen Berufsdenkern (ich meine mich zu erinnern, daß der eine Heisenberg gewesen sei, zumindest aber ein ähnlich Schwerkalibriger) nach langem Aufstieg in irgendeinem Berggasthof eingekehrt sei; da habe man dann selbstverständlich die großen Probleme von Allem diskutiert, worüber die Meinungen zwischen den beiden Personen, die nicht Heidegger waren, stark auseinandergingen; unser Heidegger nun habe dazu geschwiegen, um nur hin und wieder mit vermittelnden Worten einzugreifen; wobei er stets das Wesentliche der beiden Streitenden rasch erkannt und abstrahiert und nicht zuletzt zu einer Synthese versöhnt habe. Ja, rief dieses Gleichnis laut vom Katheder herab: was für ein Genie unser Heidegger doch war! Hut ab vor dem Meisterdenker!


Das ist der Mythos des Erfolgs: die unbewußte Übersetzung der Quantität an Aufmerksamkeit, die jemandem widerfährt (gerade in 'erlesenen' Medien), in die Qualität dessen, was dieser tut und ist, von Seiten eines mit Allem konfrontierten Publikums, das trotz zwangsläufiger Unkenntnis unter Meinungsdruck steht, um sich orientieren zu können; und sobald die sich selbst vermehrende Aufmerksamkeit zur Ursache für die Hochschätzung wird, erscheint diese wiederum als der wahre Grund der Aufmerksamkeit und als Rechtfertigung, diese dem Erfolgreichen auch weiterhin und weiter vermehrt zuzuwenden. Beispiele dafür gibt es unzählige, vom Altbundeskanzler über Günter Grass bis zum Papst und so fort. Ein Philosoph oder Wissenschaftler ist natürlich für diese mythische Fehlübertragung prädestiniert, da kaum jemand 'was vom Thema versteht, ihm aber beinahe jeder einen voyeuristischen Respekt entgegenbringt – wobei 'voyeuristisch' auch das Behagen einschließt, nicht in derart anstrengende Kommunikation verstrickt zu sein. Kurz: Heidegger ist nunmal ein gesetzter Meisterdenker per definitionem, der seine Ruhmesrente sicher hat bis zum Bankrott der kulturnationalen Erinnerung - und zwar ganz unabhängig von allem, was er gesagt, getan hat und gewesen ist. Heidegger ist eben Heidegger, so wie Markenqualität eben Markenqualität und ein Mercedes immer ein Mercedes, ergo jede weitere Nachfrage überflüssig ist. All die Aufmerksamkeit und Zuwendung und Anbetung, die in einem solchen Namen konzentriert ist wie die Heilkraft des Kosmos in einer Alraune, läßt (fast) jeden menschlichen Zweifel vergessen sein, bevor er auch nur in die Nähe gerät...


Daß Heidegger dennoch nicht denken konnte, in einem normativen Sinn des Wortes, beweist nicht nur sein Sprachstil, der schon eine unerschöpfliche Fehlerquelle darstellt, bevor er überhaupt 'zur Welt kommt' (bezeichnenderweise erschien ihm – und das lange nach den ersten Bemühungen einer Philosophie der idealen Sprache, die das Historisch-Ungenaue der Umgangssprache als Erkenntnishindernis begriffen hatte – gerade seine logikverachtende Halb-Poesie als Königsweg zur Wahrheit). – Aufrichtigerweise füge ich jedoch an dieser Stelle ein Bekenntnis zur Polemik ein: nein, ich habe nicht alle Texte von Heidegger gelesen, es ist sogar nur eine erschröckliche Minderzahl aller vom Seins-Meister dahergeraunten Wortanhäufungen, so daß durchaus die Möglichkeit besteht, daß ich nur seine ausnehmend schlechten kenne und mir auch in der Sekundärliteratur durch einen unglücklichen Zufall alles entgangen ist, was Heidegger als einen Analytiker von eisklarer Sprachpräzision ausweist. Genau darum möchte ich aber nicht bei meiner Polemik und lustigen Bißwundenrhetorik stehen bleiben, sondern ein Beispiel behandeln, das jeder nachvollziehen kann, der Internet hat...


Bei Youtube ist ein kleiner Videoclip eingestellt, der Heidegger im Jahr 1969 zeigt, achtzigjährig, mit brüchiger Stimme, aber (immer noch) schmissigem, selbstgewissem Tonfall, wahrscheinlich befragt nach seiner Haltung zur studentischen Gesellschaftskritik der Zeit. Heidegger erwidert darauf mit einer Kritik an der elften und letzten Feuerbach-These von Marx, die er auch, um Präzision vorzuspielen, aus einem schon bereitliegenden Band selbst vorliest (samt „kÖmmt“) – siehe Clip.

Heidegger wählt einen läppischen Einwand, der vor und nach ihm schon von andern Bauernschlauen vorgebracht worden ist: um die Welt zu verändern, so geht der, muß man sie doch erst einmal interpretieren! Sonst weiß man ja gar nicht, was man machen soll mit der Welt, wenn die da so uninterpretiert herumliegt! Ja, sieht der Marx das denn nicht? Nein! Also kann man von dem Mann auch sonst nicht viel Meisterdenkerisches erwarten pp...

Der Heidegger, der in dieses ausgelutschte Horn zu stoßen sich bei aller Meisterdenkerei nicht zu blöde war, sieht dabei ganz und gar nicht, daß die Marx-These die ihr unterstellte Dummheit überhaupt nicht impliziert. Ist doch im Marxschen Satz gar nicht gesagt, daß man die Welt nicht interpretieren soll oder muß. Zum deontischen Status der Weltdeutung, zu ihrer (Nicht-)Notwendigkeit oder (Nicht-)Gebotenheit, steht rein gar nichts in der elften Feuerbach-These. Marx hält fest, daß die Philosophen sich mit dieser Tätigkeit bisher begnügt hätten („nur“), daß es auf diese Tätigkeit aber nicht ankomme, daß man sich also mit der Interpretation der Welt nicht begnügen solle. Vom Philosophen wird nicht der Widersinn verlangt, kein Philosoph mehr zu sein – aus dem Mund eines derart entschlossenen Denkers wie Marx wäre diese Forderung auch nicht nur dumm, sondern ein deutliches Symptom für Schizophrenie. Worauf es ankommt, schreibt Marx – ohne etwas auszuschließen, worauf es nicht ankommt – ist nicht die Interpretation der Welt, sondern ihre Veränderung. Und, überdies, daß letztere erstere voraussetzt und zwischen Veränderung und Interpretation eine notwendige Verbindung besteht, wird wohl einem Philosophen klar gewesen sein, der sein Leben damit zugebracht hat, diese Verbindung als einer der ersten konsequent herzustellen.

Der Einwand, ebendas sei ihm entgangen, ist dagegen so dreist, daß es vor laufender Kamera schon eines revolutionären Bauernkopfes wie Heideggers bedurfte und seiner infolge gut sechzigjähriger Sprachverschwurbelungspraxis entwickelten Virtuosität darin, einen klaren Satz mißzuverstehen, um derart Ungeheuer-Trivial-Danebenes mit siegessicherer Denkermine zu artikulieren.

Am Ende wird noch einmal der Feldweg eingeblendet, Heideggers Existenzform und Logo: weit weg von allem, was die Bezeichnung 'Welt' – ob interpretiert oder unverändert – überhaupt verdient hätte.




19.03.2008

125 Jahre und kein Todestag...



Ein einzigartiges Mißverhältnis besteht zwischen Relevanz und Rezeption des heute vor 125 Jahren gestorbenen Schriftstellers, der neben Konfuzius, Platon, Paulus und Luther etwa als einer der historisch wirkungsvollsten und doch zugleich (im Unterschied zu jenen) am wirkungsvollsten mißverstandenen Autoren der Kulturgeschichte gelten kann: Karl Marx. Zeitweise lebte etwa ein Drittel der Menschheit in Staaten mit marxistischem Programm – was auch immer das heißen mochte und mag. Daß solche Programme mit Marx leider sehr wenig zu tun haben, daß ein sich als marxistisch oder kommunistisch bezeichnender Staat ebensowenig seinem Titel entsprechen kann wie ein demokratischer und daß das Talkrundenargument, der Autor Marx habe mehr Schrecken über die Welt gebracht als Stalin, Mao, Pol Pot, Fidel Castro, Kim Il Sung und King Kong zusammengenommen, eine interessengeleitete polemische Augenwischerei ist, zeigt schon der Verweis auf das heutige staatskapitalistische China, das kein Mensch mehr öffentlich als ein „kommunistisches Regime“ brandzumarken versucht, seit es ökonomische Wachstumsraten aufweist, die man deutschen „Reformpolitikern“ als Zielvorgabe auf den runden Tisch knallen kann. Der Stalinismus ist nicht das bloße Ergebnis einer Marx-Lektüre Stalins, und zwischen Marx und Mao besteht keinerlei Notwendigkeitsbeziehung, vielleicht nicht einmal umgekehrt. Marx empfiehlt sowenig die Einrichtung von GULAGs wie die Bibel Kreuzzüge und 'Hexenverbrennungen'; und aus der unsympathischen Persönlichkeit Marxens und seinen bisweilen erschreckenden Ausfällen nicht nur gegen den „jüdischen Nigger“ Lassalle auf die Inhumanität seines Lebenswerks zu schließen hieße so ziemlich jeden großen Autoren, dessen Leben und Charakter bekannt ist, um seine intellektuellen Leistungen zu bringen. Schließlich: um zu beurteilen, inwieweit die historischen Katastrophen, die von selbsternannten Marx-Realisateuren organisiert worden sind, tatsächlich aus dem Werk Marxens, seinem (gewiß nicht inhumanistischen) Anliegen oder seiner (sicher nicht unwissenschaftlichen) Analyse folgen und nicht aus den Mißverständnissen, gegen die sich kein Autor verwahren kann; oder inwiefern womöglich die Mißverständnisse selbst auf Kosten des Autors zu rechnen wären; oder aber, letzte Möglichkeit, ob es eine implizite Gewalt der Marxschen Theorie gäbe, die selbst bei richtigem Verständnis und sorgfältigstem Humanismus erst dann zutage tritt, wenn man sie in die Praxis umzusetzen versucht – um das klarzustellen muß man jedenfalls sehr viel besser theoretisch ausgebildet und an nicht antizipierbaren Ergebnissen interessiert sein als 99,8% aller Personen, die dazu sich äußern und gehört werden. Die Unkenntnis zu Marx ist leider ebenso populär wie Marx – selbst da, wo er populär ist. Weder August Bebel noch Fidel Castro haben „Das Kapital“ gelesen (daß Kuba überhaupt ein als kommunistisch etikettierter Staat sein sollte, war – laut Castros Biographen Volker Skierka – der angenommene Vorschlag des davon beseelten Weggefährten Guevara), der Sozialist Joyce, vor seiner literarischen Revolution, las nur den ersten Satz, und poststrukturalistische 'Marxisten' wie Roland Barthes wahrscheinlich nicht einmal den. Nur Kurt Beck, das haarige SPD-Maskottchen, gibt in einem kürzlich in Trier produzierten Jubiläumsfilm die typischen Ergebnisse profunder Marxlektüre zum besten: "Ich habe mit der Philosophie von Karl Marx nie so sehr viel anfangen können." Gerade heute wird übrigens auf der Seite der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaft in einem Artikel zum selben Thema dankbarerweise auf den Unterschied zwischen Marx' politischer Ökonomie und seiner Revolutionslehre hingewiesen.

Zum 125. Todestag – einem Jubliäum, das eher dafür spricht, daß hier jemand nicht gestorben ist – sage ich nur das Allermindeste, was man über Marx heute sagen kann: nämlich daß er das (Krisen-)Potential der ungebrochen vorherrschenden Wirtschaftsform in klare Begriffe gefaßt und damit die Grundlagen einer Sprache geschaffen hat, die das individuelle Unbehagen am Wohlstand ebenso zu erklären vermag wie die historisch einmalige strukturelle Menschenverachtung einer Epoche, in der sich die Ausbeutung von Mensch und Natur unabhängig von subjektivem Zutun matrixhaft erhält, verstärkt und fortpflanzt und dabei selbst den sogenannten „Wirtschaftslenker“ oder den Präsidenten zur bloßen austauschbaren Größe, zum entwürdigten Objekt herabsetzt, das dennoch um fast eine Welt würdiger ist als der noch entwürdigtere, bis ins Unerträgliche und zu niemandes Nutzen geschundene Rest der Welt.




24.01.2008

Die Gastkolumne! Teil 1: Marxismus für Schulleiter.



Unser heutiger Gastautor X1 will in seiner zwölften Internetveröffentlichung nicht namentlich genannt werden. Um uns dennoch ein Bild von seiner Persönlichkeit zumindest umrißhaft zu zeichnen, liegt seinem politischen Artikel ein steckbriefhaftes Selbstportrait bei. Ich werde es hier publizieren, obwohl ich kein Freund von Fragebogen bin. Also, hier ist es...


Geboren: 1976, zögerlich.

Eltern: Amnesie & Punkfrisur. Nunmehr Landräte.

Domänen: Klaustrophilie. Aufstieg zum Gipfel der Langsamkeit. Adverbien des Ortes ("allenthalben"!).

Todesstil: mit hagerem Kopf auf den Tisch gesackt, einen Espressotropfen am Brillenglas, eine kurze dunkle Strähne nachzitternd über der glatten Stirn, im Abgrund des Zweifels.

Häufigkeitswörter: Universum, logisch, weiß.

Unter seinen/ihren Vorfahren: ungenannte Bogenschützen & ein Wurzelleser.

Gefühlswelt: Bücher parallel zur Tischkante.


Der Inhaber des Blogs haftet nicht für die Aussagen seiner Gastautoren. Hier sind sie...



Ein Mann besitzt zwölf Fabriken in Samaria. Acht machen Verluste. Vier Gewinne, davon drei doppelt so hohe wie die Verluste der drei schwächsten Fabriken zusammen. Die fünf weniger schwachen Fabriken beschäftigen ausschließlich Frauen. Die drei schwächsten ausschließlich Männer. Die vier gewinnbringenden beschäftigen Frauen und Männer, davon die zwei besten im Verhältnis 50 zu 50, die übrigen beiden in der Mehrheit Frauen. Hergestellt wird Babynahrung. Es besteht der Verdacht, daß die in den Verlustfabriken angestellten Frauen stehlen. Sind nämlich alles arme Frauen, wegen des Verlusts. In den Gewinnfabriken sind die Löhne um ein Prozent pro vierzig Prozent Gewinn gegenüber dem Vorjahr höher. In den vegangenen siebenundzwanzig Jahren ergab sich daraus eine Lohnsteigerung von 4,8% (inflationsbereinigt). Im selben Zeitraum stieg der Preis der Babynahrung um 33,4%. Das Bevölkerungswachstum schrumpfte auf eine Wachstumsrate von 3,0%. Dafür haben sich 73% mehr Männer und 12% mehr Frauen sterilisieren lassen.


In welcher Fabrik sind die ArbeiterInnen am zufriedensten?



 
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