Gehören auch Sie zu jenen Menschen, die sich über ihr eigenes Wesen nicht so ganz im Klaren sind? Haben auch Sie in philosophischen Momenten – auf der Intensivstation, in einer Gletscherspalte oder Montag morgens bei der Wassergymnastik im Rahmen der ARGE-Maßnahme „50 plus – fit für den Job“ – mitunter das Empfinden, Sie wüßten gar nicht so genau, wer Sie sind? Seit mindestens 150 Jahren ist das völlig normal. Wir nennen es ‚Moderne‘. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: seit mindestens fünf Jahren gibt es ein Mittel dagegen. Wir nennen es ‚soziale Netzwerke‘.
Die Online-Community, um eine noch dümmlichere Bezeichnung zu verwenden, ist in Wahrheit, das heißt ökonomisch betrachtet eine virtuelle Massenhaltung mit freiwillig an der Futterrinne der Werbewirtschaft angetretenem Datenvieh. Die euphemistisch ‚User‘ genannten Benutzten beziehen jeder eine ‚Profil‘ getaufte Box und füllen ein paar stereotype Fragebögen mit all den Nettigkeiten aus, aus denen heute so ein digital-urbanes Leben zwischen zwanzig und fünfzig besteht, also Job-Mosaik plus Lieblingsserien. Wobei es ihnen zurecht Spaß macht, dass sie überhaupt noch nach ihrer Meinung gefragt werden. (Wozu vernetzt man sich denn sonst, wenn einen keiner nach seiner Meinung fragt?) Sind die Leutchen soweit eingegliedert, dürfen sie nach Lust und Langeweile ihre digitale Box mit jugendfreien Bildern bekleben und mit politisch korrekten Zitaten verzieren, ihren mehr oder eher minder außergewöhnlichen Alltag auf tausenderlei Arten vermerken, vermessen und verkünden wie Thesen an einem postmodernen Kirchentor, außerdem, least but not last, ihren bei Halbgratis-Spielchen erdaddelten Trophäennebbich ausstellen und mit Leuten, die einen seit der Kindergartenabschlussfeier nicht mehr genervt haben, ansteckungsfrei drauflosmenscheln bis zum Bindehautkatarrh. Klingt doof? Nur, weil ich’s doof gesagt habe. Darum nochmal anders gesagt: hier werden alle Ego-Träume wahr.
Schon das Wort Profil bedeutet nicht weniger als einen klaren Umriss der Person, die hinter dem Schirm sitzt, einen Schattenriss, ein zweidimensionales Portrait also. Wie bei jeder Distanzkommunikation fehlt die dritte Dimension, die räumliche Tiefe, und die Begegnung im Zeitfluss, kurz: die Realität. Ich und die Anderen, das Licht der Welt und mein Schatten, nur diese beiden gegensätzlichen Ebenen konturieren das Image. Jeder Netzwerker wird so zum Schöpfer eines zweiten Präsentier-Ichs, von dessen distinktiven Qualitäten die als 'Freunde' umheuchelten Juroren dieses Selbstoptimierungsprojekts zu überzeugen sind. Jeder sein eigener Frankenstein, der ein Second Me, gewissermaßen seinen Sozialavatar, aus den Leichenteilen eines Bedeutungsuniversums zusammenlumpt, in dem von der Biermarke (Astra!) bis zum Zwölftonkomponisten (Hauer!), von der politischen Theorie (Ordoliberalismus!) bis zur Lieblingsmetropole (Shanghai!) schlichtweg alles als Zutat in der narzisstischen Retorte dienen kann, um sich im individualistischen Wettrüsten günstig vor der Konkurrenz zu positionieren. Im Überangebot der Netzgesellschaft – an potentiellen Partnern, Freunden, Mitbewerbern, Charismatikern – kämpfen bange Privatmenschlein mit ähnlichen Strategien um Aufmerksamkeit wie Unternehmen in der Offline-Ökonomie: Unverwechselbarkeit, ‚Alleinstellungsmerkmal‘ im Marketingdummdeutsch, ist für Produkte wie für Menschen das konkurrenzverdrängende Ideal – und freilich, leider, leider, nicht viel mehr als das, eine Kompensionsvision im Cubicle. Zugleich bleibt man mit seiner Selbstwert-Schöpfung natürlich den gesellschaftlich geprägten Vorstellungen von einem gelungenen Leben verpflichtet, die über Distinktion und Extraordinarität ja doch hinausgehen. Also alle feuchten Träume von Sicherheit, Erfolg und Rückhalt, Coolness, Souveränität und Hedonismus stehen auf dieser Potemkinschen Party zusammen und bestätigen einander, keine Pappkameraden zu sein.
Denn das gilt freilich für jedes PR-Projekt: ohne gläubiges Publikum wird aus einer Mücke keine frohe Botschaft. So gibt’s ohne Zuschauer auch keine Identität. Ohne den Anderen kein Ich. Ohne Spiegel kein Bewusstsein. Denn nicht die einsame Wahrheit zählt, sondern was für wahr gehalten wird. Die Parallelwelt, die dabei entsteht, ist nicht virtueller als die des Finanzmarkts, der Werbung oder der Arbeitsmarktstatistik. In der Marktwirtschaft ist nichts was es ist – sondern alles nur als was es sich verkaufen läßt. Maximale Gewinnspanne bei minimalem Gebrauchswert ist keineswegs Betrug, sondern im Gegenteil – der größte anzunehmende Unternehmererfolg. Der ollen Tante Realität läßt sich noch immer was aus dem Beutel leiern. Solange sie nichts merkt. –
28.09.2011
Generation Frankenstein oder Spielschulden bei der Wirklichkeit
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09.02.2009
Allegorien des Nichts - Zu Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel"
Nicht die Handlung, nicht die Charaktere und nicht die Dialoge sind die große Qualität dieses Films, sondern seine visuelle und bildhafte Komposition. Er verleugnet nicht seine Inspirationsquelle aus den bildenden Künsten, den 'Totentanz', und nimmt so die allegorischen Versuche des Spätmittelalters auf, die unsichtbaren und unsicheren Mächte, die das menschliche Dasein (möglicherweise) entscheiden, in konkrete Rollen zu zwingen, mit denen sich spielen lässt wie mit Holzfiguren auf einem Brett. Gerade der spielerische Charakter derartiger Versuche selbst wird im Film akzentuiert: durch das Schachspiel gegen den Tod, das Theaterspiel der Schausteller, den mehrmals wiederkehrenden Gesang, das Lautenspiel und insbesondere durch den bühnenhaften Habitus dieses Films, der eben keine täuschende Illusion sein will, sondern die Inszenierung des Existentiellen. Ein Kunstwerk also, das seine notwendige und unüberwindliche Distanz zu seinem Gegenstand mitdarstellt, um nicht an ihr zu scheitern. Neben dem Gott suchenden Protagonisten, einem die kosmische Sinnlosigkeit witternden Kreuzritter, scheint nur der Künstler, im Film durch den Gaukler Jof allegorisiert, mit einem Blick in jene andere Welt begabt, in der der Tod selbst auftritt; wie wenn ihn zwar nicht der Verstand, aber ein Kostüm zu fassen vermöge, nicht der Ernst, aber das Spiel. Mit dieser kreativen Prämisse muss man diejenigen Szenen des Films ins Verhältnis setzen (so etwa die erste Begegnung mit dem Tod), die auf einen an Eindeutigkeit und storylastiges Heruntererzählen gewöhnten Konsumenten lächerlich wirken müssen durch ihren scheinbaren Ernst: doch wenn bei Bergman der Tod auftritt und sagt: „Deine Zeit ist gekommen“, dann ist das zwar keine Ironie, aber nichtsdestotrotz auch weder ernst noch lächerlich, sondern – in der panironischen Entertainmentära zunächst unverständlich – allegorisch gebrochen. Heißt das wiederum, dass Bergmans Film unmodern, talmichristlich und regressiv zu nennen wäre? Nein, denn die Allegorien eines Künstlers der Moderne überschreiten immer auch die Grenze zum Symbolischen, Skeptischen, Unbewussten und Vieldeutigen, das freilich vom modernen Zuschauer mitgeschaffen werden muss, dem nicht gezeigt werden kann was er zu sehen nicht fähig ist. In Bergmans existentialistisch ernst gemeinten Allegorien – ja, doch auch 'ernst', weil er nicht nur unterhalten will – ist aber das Unzureichende als spielerisches Element ebenso sichtbar wie die ihm komplementäre Modernität, die über die Zweidimensionalität der mittelalterlichen Ikonografie weit hinausweist, in traumhaften Visionen, die trotz ihrer Zitate nicht mehr mit heiligen Texten ausgedeutet werden können. Und genau dieses Versagen des weltdeutenden Textes, aus dem auch der Titel stammt, vor den Bildern der Welt, deren Diesseits und Jenseits, Konkretes und Abstraktes der Film auf seiner Bühne ordnend vereint, ist das eigentliche Thema dieses Leinwand-Stücks – ein moderneres, das Medium Film besser erklärendes und legitimierendes kann man sich schwerlich denken.
[Dieser Text ist kürzlich erschienen in der filmzentrale.]
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Kreise Filmkritik, Industriekultur, Metatexte, Reine Bildlichkeit, Theater
06.12.2008
Die Kirche im Dorf - Pro und Contra. Ein Adventsbeitrag.
Es gibt Autoren von solcher offenbaren Nichtigkeit, daß es schon ein Verriss ist, wenn man zu ihren Texten schweigt. Gegen sie zu polemisieren sollte nur in der Adventszeit erlaubt sein. Um die christlich-bürgerliche Kadaverharmonie durch eine partisanische Greueltat zu erschüttern, die unter anderen Umständen unmenschlich wäre... Auch der Einwand, manche hohlen Ziele seien gewissenhafter Polemik gar nicht wert, muß im folgenden mißachtet werden. Denn zum Anlaß für Nettes muß ja nicht nur Nettes, sondern kann und sollte Alles und Nichts werden. Und sowenig wie es 'unwertes Leben' gibt, gibt's eine unwerte Polemik.
Das findet auch der bestbezahlte deutsche Zeitungspraktikant und Sprachrowdy Benjamin von Stuckrad-Barre, dem wir hier erstens nicht weiter die Ehre antun wollen, ihn bei einem so komplexen Namen zu nennen, den auszuschreiben zweitens viel zuviel Zeit verschwendet, so daß wir ihn ab jetzt schlicht Benji nennen werden – ein Nämchen wie ausgedacht für einen professionell pubertierenden Literaturbetriebsbengel. Dem preiswerten Herrenmagazin „Cicero“ hat er irgendwann ein Interview gegeben, in dem sich der Junge ganz schön doll über diejenigen beschwert, bei denen er früher seine Gummibärchen verdient hat, und auch über alle anderen, zu denen ihm nichts einfällt. Darin, daß ihm nichts einfällt, auch zu sonst allem, besteht gewissermaßen seine Sendung: Benji zeigt all denen da draußen, denen auch nichts einfällt, daß selbst sie es schaffen können, dafür auch noch bezahlt zu werden. Damit hat er eine wichtige Position in der Öffentlichkeitsabteilung der kulturindustriellen Müllverbrennung inne.
Ihren Ausgang nahm die dialektische Karriere (das ist eine Karriere, die durch die Person dessen, der sie macht, widerlegt wird) Benjis von zufällig veröffentlichten Schülerstories über Pickel und Liebe mit der stilistischen Aura eines Beipackzettels für Abführmittel. Das meiste seiner Bravoprosa, die gern mit dem Wörtchen 'Pop' etikettiert wird, weil das besser aussieht als 'einlagiges Toilettenpapier' und viel besser paßt als 'Literatur' ohne Pop, ist vom solide-alltäglichen Einfallsreichtum, sagen wir 'mal, eines Mannes, der in seinen Timer unter Montag: „16.30 Zahnarzt“ schreibt. Also einfach, direkt, spontan und autobiografisch. Dorfjugendliche und solche, die es geblieben sind, stehn drauf. Wem Grass halt zu krass ist, der findet seinen knappen Geist in Benjis Sätzen wieder. Er ist der DJ des deutschen Kinderbuchs, und der Beat seiner Schreibe hält in jedem Moment die Amplitude zwischen Trotzphase und Klassenclown. Enden wird seine Karriere sicher dort, wo dialektische Karrieren eben enden: im Wühltisch, im Müll, im Fernsehen, in der Reha – also dort, wo sie schon vorher hauptsächlich stattfand.
In besagtem „Magazin für politische Kultur“ hat Benji fünf erwähnenswerte Sätze fallenlassen, die uns haben aufhorchen lassen und das Fadenkreuz der DWR-Gesinnungspartisanen in seine Richtung lenken mußten (keine Angst: wir schießen nur mit Tintenpatronen!). Diese Sätze haben ihrerseits die mit uns weder paktierende noch befreundete telegene Kommunistin Sahra Wagenknecht zum Ziel und lauten wie folgt:
Aber es geht auch noch schlimmer [als Andrea Nahles, DWR]: Vor kurzem saß ich im ICE von Berlin nach Hannover, in der ersten Klasse, und ein paar Sitze weiter saß Sahra Wagenknecht. Die hätte ich ganz gern in die zweite Klasse umverteilt.
Und am Ende des Gesprächs:
Gut fände ich es, wenn die NPD verboten würde, desgleichen Sahra Wagenknechts kommunistische Plattform. Wer sich offensiv gegen unser insgesamt hervorragendes System richtet, dem sollte das Rederecht entzogen werden und auch die Parteienfinanzierung. Im demokratischen Rahmen aber freue ich mich über jede Art von Zuspitzung, allein aus dramaturgischen Gründen. Aus Versehen führt das nämlich hin und wieder zu wahrhaftigen Momenten.
Den letzten Satz kann man zwar auf zwanzig Arten besser sagen, aber auch so stimmt er – sogar so weit, daß sein Sprecher, aus Versehen ihn bestätigend, es gar nicht merkt: Wahrheit ist von derart in die eigene Neurosen- und Ressentimentstruktur verstrickten Bewußtlosen immer nur „aus Versehen“ zu hören, als 'Wahrheit der Krankheit'. Und selbst ein gedankenleeres Haupt wie das unseres jungen Freundes aus der Papierindustrie kann interessant sein, sobald man eine diagnostische Perspektive zu ihm einnimmt, ihn also ernst nimmt als 'Fall'.
In seiner polemischen Zuspitzung offenbart der rhetorisch freche Lausejunge nämlich, welch gehorsames Kind er tatsächlich ist. Hinter dem narzisstisch-lässigen Gequengel steht ein ichloser Ausbund der Erzogenheit. Ein angepaßter Pastorensohn, der sogar von den ihn umgebenden Erwachsenen noch mehr Anpassung einfordert. Denn Ordnung ist für ihn schon schwer genug zu halten und zu überblicken, und wer das reale Puppenhaus auch noch gründlich ummodeln will, der (oder die) zieht sich den Haß des braven Knaben zu. Den Stellvertreter-Haß des kleinen Wächters, der auf das große Haus stolz ist, vor dem er frieren darf... Wieso dürfen Kommunistinnen überhaupt in der ersten Klasse fahren? braust es aus dem Pop-'Dandy' hervor. Sollte etwa seine ganze Arschkriecherei und Medien-Mitläuferei, all die an sich selbst exerzierten Demütigungen seines masochistischen Ego-Stummels umsonst gewesen sein, wenn man auch als radikale Nonkonformistin und aufrechter Mensch in die erste Klasse gelangen kann? Das darf nicht sein und muß verboten werden! – Hach, welche altbekannte Frische weht in der jungen deutschen Literatur, diesmal zur selbstlosen Verteidigung der verordneten Demokratie. Wer freilich den „demokratischen Rahmen“ so eng setzt, daß derjenigen umstandslos das Rederecht verweigert werden solle, die „unser insgesamt hervorragendes System“ negativ bewertet – eine Bewertung, deren polit-ökonomische Argumentation sich weit in der nie erlebbaren Zukunft von Benjis geistigem Entwicklungsstadium abspielt – und so die Arbeit des Verfassungsschutzes noch besser, ordentlicher machen will, der vertritt ganz offensichtlich eine autoritäre Auffassung von jenem („unserem“) System, mit dem er sich so gerne und vergeblich gleichzusetzen wünscht, die seinen demokratischen Rahmen verlassen hat. Nicht in die Richtung einer demokratischeren und freieren Welt natürlich – aber nein, wer käme denn in unserer hervorragenden Zeit auf die Idee? – sondern in die entgegengesetzte.
So wie es Hippiesöhne gibt, die schlechte Berufssoldaten werden, weil sie sonst künftig nichts Eigenes vorzuweisen fürchten, so gibt es auch die Pastorensprösse, die zu dollen Aufmischern werden wollen: da wird dann schonmal sonntags im Bett liegen geblieben, statt in die Kirche zu laufen, oder expreß ein Kaugummipapierchen aufs Pflaster fallen gelassen etc. Aber keine Angst, Vati, die Kirche lassen sie im Dorf. Und wer sie mal eben im Vorbeigehn anpissen will, dem sagen sie: hey Mann, muß das sein? Find ich nich' so superokeh, ehrlich. Und wer erst die Kirche abreißen und Papi arbeitslos machen will, dem zeigen sie, wes Beffchens Kind sie sind! Wie alle Rebellen, die Provokation statt Kritik üben, kehren sie spätestens dann in den Schoß des Althergebrachten zurück, wenn die Wirklichkeit und Folie ihrer Rebellion tatsächlich erschüttert zu werden droht. Bleibt diese Drohung aus, werden sie trotzdem ein Abbild ihrer Väter, die sie auf dieses Ziel hin erzogen haben, und folgen der ihnen vorgegebenen Entwicklung gemäß der väterlichen Strenge, für die das Aufbegehren nur ein Symptom ist. So daß am Ende alle Schäfchen und Dörfler ruhig aufatmen können, ihre Benjis tätscheln und wahrscheinlich Sachen sagen wie: ein Lausebengel, aber doch ein guter Junge. (Dazu paßt jener peinlich vieldeutige Akt, den Benji bei der Leipziger Buchmesse vorführte, als er Helmut Kohl um ein Autogramm bat, indem er vor dem CDU-Altkanzler auf die Knie fiel...)
Daß die jüngste deutsche Literatur durchaus mehr zu bieten hat als solche Schießbudenfiguren für die Heckenschützen der Polemik-Guerilla, darf am Ende unseres Adventsbeitrages nicht verschwiegen werden. Auch das Phänomen 'Pop', durch die US-Kultur des 20.Jahrhunderts längst ästhetisch geadelt, als Begriff in Deutschland aber vor allem ein Etikett für Nischen der Unfähigkeit und Post-Pubertät, ist selbst hierzulande seriöser als Romane übers Plattenhören. Das beweist zumindest Dietmar Dath, der ehemalige Spex-Chefredakteur, FAZ-Mitarbeiter, Romancier, Essayist und Wissenschaftsautor, nicht nur in seinem jüngsten Interview mit einer hausbacken provokanten „Welt-Online“. Hier kann man auch nachlesen, wie in Krisenzeiten nur über Kommunismus gesprochen werden kann, wenn man sich das Recht aufs eigene Gehirn nicht längst hat rauben oder abkaufen lassen.
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16.10.2008
Materiale Nöligkeit
Der Musikjournalist verhält sich zum Journalismus allgemein wie die fehlende Zunge zum Stottern:
Als Racheengel des Walking-Bass bezwang Marc Ribot im Zeichen der verminderten Quint noch jedes Stück und erfand so auf den großen Alben von Tom Waits und John Zorn die Rhythmusgitarre neu. Wohin es ihn später stilistisch auch trieb: Der Gestus, der Klampfe noch einen letzten Sinn abzuringen, während man schon im Begriff ist, dieser den Hals umzudrehen, umschreibt die Urszene, in der Ribots Ton erzittert. Fünfzehn Kompositionen für Sologitarre als 'Exercises in Futility' zu veröffentlichen mutet da nur konsequent an. Doch diese mit delikater Beharrlichkeit präsentierte Phänomenologie des Klangspektrums und der Betastungsmodi der Konzertgitarre zeigt nur, wie falsch es wäre, Ribots methodischen Nihilismus für materiale Nöligkeit zu halten.
(Alessandro Topa in der FAZ vom 30.9.2008.)
Aber wir wollen dieses Thema nicht beenden, ohne einmal kurz den Altpusher der popjournalistischen Metaphernekstasen Dietmar Dath zu zitieren, der in der Rezension eines neuen Heavy-Metal-Plättchens also sprach:
Die Gangart heißt hier nicht selten Galopp, da trampelt dann eine Herde amphetamingefütterter Bonanzapferdchen die Prärie zu Bruch, und der Erlkönig spuckt Scharlachverwehungen in den Sturm.
Mensch Popper, prüf doch mal den Wahrheitsgehalt des Satzes!
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Kreise Exzerpte, Industriekultur, Metatexte, Presseschau, Sprachkritik, Zitatgericht
26.01.2008
Vom schtzgrmmm zum pflgschmck
Heute wollen wir von Trolli - die Apple-Mallow mit fruchtiger Füllung vorstellen - Wir haben uns ja bei Lidl von Sugar Land-Apple Loops extra sour gekauft und darüber auch einen Bericht geschrieben. [...] Es kommt eine breiige Flüssigkeit heraus,hat aber nichts mit Apfelgeschmack zu tun.
Seit ganz Germanien (ganz Germanien?) auf K. den Eisbären geschaut hat (ich kürze den Namen ab aus Liebe zu meinen damit schon genug geplagten LeserInnen), und zwar mit einer Hingebung und Liebe wie sonst nur auf weniger wuschelige Scheitel der Geschichte, blüht das Bärenbabybusiness. Inzwischen ist uns ein weiteres Tierchen dieser Art im Nürnberger Zoo geboren worden, und Freunde der dortigen Tierbetreiber haben flugs ein putziges Blögchen eingerichtet, in dem sie die großen und kleinen Leserchen und Bärchenbewerterchen mit einem pinken Gewichtszunahmegräphchen und natürlich vielen bunten Videöchen bei Laune halten.
Das Eisbär-Baby Flocke im Tiergarten Nürnberg entwickelt sich mehr und mehr zum kleinen Racker: „Auf unserer Waage hat sie so gezappelt, dass es unmöglich war ihr Gewicht abzulesen. Wir mussten und erst ein Gerät mit digitaler Anzeige besorgen“, berichtet Tierarzt Dr. Bernhard Neurohr. 3 850 Gramm brachte Flocke am heutigen Morgen auf die Waage. Die kleine Eisbärin werde immer aktiver und zerreiße ihren Pflegern bereits die Handschuhe.
Auf die nicht für zart Besaitete geeignete Meldung:
Flocke macht seinen Betreuern immernoch Sorgen denn es befindet sich Stroh im Stuhl der kleinen Eisbärendame. 'Offenbar hat sich Heu im Magen von Flocke zusammengeballt. Das kann zu einer gefährlichen Verstopfung führen',
Ein Herr namens Florian Andreas Konrad von S. (Name auf Anfrage geändert) riskiert seinen guten Namen, nachdem er von der dadaistischen Meldung „Flocke bleibt Flocke! Das Nürnberger Eisbärbaby hat nun einen Namen“ derart hingerissen war, daß er sie kommentieren mußte wie folgt:
Freut mich das die kleine einen namen hatt, wünsche allen pfleger des kleinen viel spaß.lg flo
Daß dieses süße Blog auch den Adel anspricht, ist kein Wunder, schließlich sind die Betreiber selbst derart in der Nobilitas zuhause, daß sie ihre Namensmeldung folgendermaßen auch noch ins Britische zu übertragen wissen. Deutsch:
Der Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) hat soeben den Namen unseres Eisbärenbabys verkündet. Die Jury hat entschieden: Der Eisbärname bleibt Flocke. Unserer kleinen Flocke geht es gut und ich denke Sie wäre auch mit Ihrem Namen zufrieden.
Engl.: The Lord Mayor of the City of Nuremberg Ulrich Maly (SPD) just announced the name of our baby polar bear . The jury decided: The baby polar bear remains “Flocke” (Engl. Snowflake). Our small Flake is doing well and i think she is satisfied with her new name too.
Bevor ich aber an dieser Stelle abbreche und meinen noch immer teilnehmenden LeserInnen die Herzensergießungen von Frau Birgit Altenbrunner-Martinek oder Mara Marlen Mosebach („Mein Papa meint, die kleine Eisbärin sollte Icy heißen oder Mara weil er meinen Namen immer noch so toll findet.“ - Liebe Mara Marlen, sag mal, ist dein Papa vielleicht Dichter? Und ist sein Lieblingsbuchstabe vielleicht M, was Romantitel wie „Der Mond und das Mädchen“ vermuten lassen?) vorenthalte, möchte ich darauf hinweisen, daß es selbst auf die rein organisatorische Meldung von gestern, die das neu ersonnene Gewichtszunahmegräphchen vorstellt, schon eine begeisterte Reaktion eines gewissen Sandro Sahara gibt, die ich nicht auch noch zitieren muß.
Die Möglichkeiten sind grenzenlos. (shop.nuernberg-eisbaer.de?) Es wurde viel SEO Vorarbeit geleistet. Desweiteren gibt es auch viele User die täglich direkt auf die Domain wiederkehren um neues über das Eisbärenbaby zu erfahren.
Doch nicht jedem bleibt die Unputzigkeit der Welt so verborgen wie den Eisbärbabyblogstammlesern aus der Adelsschicht. Es gibt noch analytische Köpfe in Germanien und sowieso: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ So erhebt am 25.Januar um 16:03 Uhr ein gewisser Georg Wilhelm Friedrich Hegel Einspruch gegen die heuchlerische Rechnung der Blogbetreiber mit den Worten:
Da bleibt aber bei einem Sofort-Kaufen-Preis von 2000 Euro noch einiges an Gewinn erhalten. Und ich dachte schon, ihr macht das hier aus reiner Liebe zum Eisbärbaby. Schade…
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24.01.2008
Die Gastkolumne! Teil 1: Marxismus für Schulleiter.
Unser heutiger Gastautor X1 will in seiner zwölften Internetveröffentlichung nicht namentlich genannt werden. Um uns dennoch ein Bild von seiner Persönlichkeit zumindest umrißhaft zu zeichnen, liegt seinem politischen Artikel ein steckbriefhaftes Selbstportrait bei. Ich werde es hier publizieren, obwohl ich kein Freund von Fragebogen bin. Also, hier ist es...
Geboren: 1976, zögerlich.
Eltern: Amnesie & Punkfrisur. Nunmehr Landräte.
Domänen: Klaustrophilie. Aufstieg zum Gipfel der Langsamkeit. Adverbien des Ortes ("allenthalben"!).
Todesstil: mit hagerem Kopf auf den Tisch gesackt, einen Espressotropfen am Brillenglas, eine kurze dunkle Strähne nachzitternd über der glatten Stirn, im Abgrund des Zweifels.
Häufigkeitswörter: Universum, logisch, weiß.
Unter seinen/ihren Vorfahren: ungenannte Bogenschützen & ein Wurzelleser.
Gefühlswelt: Bücher parallel zur Tischkante.
Der Inhaber des Blogs haftet nicht für die Aussagen seiner Gastautoren. Hier sind sie...
Ein Mann besitzt zwölf Fabriken in Samaria. Acht machen Verluste. Vier Gewinne, davon drei doppelt so hohe wie die Verluste der drei schwächsten Fabriken zusammen. Die fünf weniger schwachen Fabriken beschäftigen ausschließlich Frauen. Die drei schwächsten ausschließlich Männer. Die vier gewinnbringenden beschäftigen Frauen und Männer, davon die zwei besten im Verhältnis 50 zu 50, die übrigen beiden in der Mehrheit Frauen. Hergestellt wird Babynahrung. Es besteht der Verdacht, daß die in den Verlustfabriken angestellten Frauen stehlen. Sind nämlich alles arme Frauen, wegen des Verlusts. In den Gewinnfabriken sind die Löhne um ein Prozent pro vierzig Prozent Gewinn gegenüber dem Vorjahr höher. In den vegangenen siebenundzwanzig Jahren ergab sich daraus eine Lohnsteigerung von 4,8% (inflationsbereinigt). Im selben Zeitraum stieg der Preis der Babynahrung um 33,4%. Das Bevölkerungswachstum schrumpfte auf eine Wachstumsrate von 3,0%. Dafür haben sich 73% mehr Männer und 12% mehr Frauen sterilisieren lassen.
In welcher Fabrik sind die ArbeiterInnen am zufriedensten?
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Kreise Gastkolumne, Industriekultur, Marx and Company, Politica
07.01.2008
Nächstbeste Maschine ins schillernde Leben - mit Happy-End
"Heißer Sommer in Kalifornien:
Richard, ein junger Journalist aus London, entdeckt in einer Bar auf Kreta die Amerikanerin Barbara und ist berauscht von ihrer Ausstrahlung. Kaum wieder zu Hause, nimmt er die nächstbeste Maschine nach Los Angeles, um die Frau seines Lebens wiederzusehen. Er trifft sie auf einer Party, als sie gerade die Gäste unterhält, nackt im Swimmingpool.
Richard macht noch einige überraschende Entdeckungen, bis er schließlich tief ins schillernde kalifornische Dolce vita eintaucht. Und das Leben spielt sich für ihn bald ab wie ein mitreißender Film - mit Happy-End."
(Klappentext des bei Rowohlt 1989 erschienen Romans "Planlos in Los Angeles" von Richard Rayner. Das Schmutzblatt ziert ein Foto des Autors, das ihn in Seidenjackett, weißem T-Shirt und Hornbrille mit dem linken Arm aufs Haupt einer Karyatide (Italien!) gestützt zeigt - nicht lächelnd. Daß er nicht lächelt, ist das eigentlich Arge an dem Foto und wohl auch an dem Buch: eigentlich sollte er keinen Grund haben, ernst zu bleiben. Warum er trotzdem ernst ist, erklärt ein Motto - "Die Perioden der Wollust waren ausgefüllt mit den niedrigsten Vergnügungen" aus "Verfall und Untergang des Römischen Reichs" von Edward Gibbon - und die Widmung: "Für Barbara, wo auch immer du sein magst.")
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