11.09.2011

Frohe Botschaft: Dead Wall Reveries erstehen auf!

[Friedhofsnacht. Vollmond. Ein feister Mittvierziger im Anzug torkelt durch die Eingangspforte und stolpert zwischen den Gräbern umher. Wolfsgeheul. Der Mann bleibt ängstlich stehen, wartet und winkt dann ab. Er zündet sich eine Zigarette an. Er hustet, zieht seine Krawatte aus, lässt sich auf den nächsten Grabstein nieder. Darauf steht: ‚Dead Wall Reveries 2007-2009.‘]
Anzugträger [liest die Inschrift]: Namen haben die Kinder heute! Da weiß keiner mehr, wo vorn und wo hinten ist. [rülpst] Zweitausendneun war ein gutes Jahr zum Sterben. Da wär mir auch einiges erspart geblieben. Und nicht nur mir. Naturkatastrophen, Haiti, Pakistan, Fukudingsda. Krawalle überall, Kirgisien, London, Maghreb, Ägypten. Das Pack kaspert über den Planeten, als würde der schon ihnen gehören. Tut er ja auch. Die sogenannten Schuldenkrisen. Früher alles kein Problem. Der sogenannte Westen – in zwei Jahren abgewrackter als in den zweihundert davor. Oil peak noch nicht erreicht damals, vor zwei Jahren. Deepwater Horizon kannte noch kein Schwein. Kennt jetzt wieder kein Schwein wahrscheinlich… Aber der Dow Jones hatte noch Potential nach oben. Na ja, hat er jetzt nicht mehr. Kann man alles den Hasen geben. Oder den Ratten. Alles – rattenreif! [Er knüpft einen Knoten in seine Krawatte, steht auf und bindet sie an einem Ast fest; danach setzt er sich wieder, greift in sein Jackett und zieht einen Flachmann mit goldenem Euro-Zeichen aus der Tasche.] Drauf geschissen! [Er nimmt einen tiefen Schluck] Und gleich nochmal! [wiederholt das] So, Dead Wall Reveries, jetzt komm ich mal da runter gleich. Oder Moment, da ist noch zuviel drin in dem ollen Fläschchen, um vorher die Kehle zuzubinden. Da könnten wir nochmal anstoßen, wie? [Er stößt mit dem Grabstein an.] Für Gott und Hamsterrrad! [trinkt] Ich bin ja unhöflich. [Er singt:] Wollt Ihr auch was, o edelstes Gestein? [Er stößt an und trinkt. Das Grab erbebt. Zwei Hände wühlen sich hervor, und eine schwarze Gestalt wächst aus dem Boden empor. Sie trägt einen altmodischen Gehrock mit Halsbinde, einen zerrissenen roten Mantel und ein rostiges Florett; das Gesicht ist weiß geschminkt und hat keine Züge.]
Anzugträger [erschrocken]: O Gott, es lebt!
Dead Wall Reveries [erschrocken]: O Gott, ich lebe!
Anzugträger [trinkt schnell aus, steigt auf den Grabstein, greift nach der Krawatte, fällt herunter]
DWR: Darf ich behilflich sein?
Anzugträger: Das würden Sie tun? Ich dachte, Sie wollten mich töten.
DWR: Das kommt, wie ich sehe, auf eins raus.
Anzugträger: Ja… Wollen Sie vielleicht noch schnell wissen warum?
DWR: Nein.
Anzugträger: Nein?
DWR: Es gibt so viele gute Gründe. Ich bin sicher, Sie haben nach über vierzig Lebensjahren inzwischen auch einen davon entdeckt. [DWR hilft ihm auf den Stein und hält seine Beine fest.]
Sie stehen sicher wie ein Turm.
Anzugträger: Sehr gut. Moment… [Er nestelt sich die Krawatte über den Kopf und steht dann absprungbereit.] Wollen Sie’s wirklich nicht wissen?
DWR: Darf ich raten?
Anzugträger: Nein! Oder – na gut. Aber ich unterbreche Sie sofort, wenn Sie falsch liegen.
DWR: Es hängt mit den zeitlichen Umständen zusammen…
Anzugträger [unterbricht]: Aber die kennen Sie doch gar nicht! Sie waren tot!
DWR: Die Toten sind auch einmal gestorben, und die Umstände haben sie selten davon abgehalten.
Anzugträger [würgt]: Könnten Sie bitte aufhören, so an mir zu ziehen? Jedenfalls noch einen Moment…
DWR: Oh, Verzeihung. Unbewusste Christlichkeit. Darf ich fragen, wie Sie’s mit der Arbeit halten?
Anzugträger: Ähm, gut. Also ich habe viel gearbeitet. Ich bin – ich war Volkswirt bei einer Autobank.
DWR: Dachte ich mir. Das Volkswirtsterben hat begonnen…
Anzugträger: Ja, wissen Sie. Der Export ist –
DWR: Ich weiß, und es interessiert mich nicht.
Anzugträger: Natürlich. Sie sind ja tot.
DWR: Der Tod ist jetzt nicht das Thema, sondern Ihr Leben. Sie waren Volkswirt. Ihr Vater hat Ihnen diesen Studiengang nahegelegt, weil Sie gut rechnen konnten und fleißig waren. Ihr Vater war auch schon fleißig und konnte gut rechnen. Mit Ihrem Abschluss haben Sie ihn stolz gemacht. Auf Ihrem Bewerbungsfoto sahen Sie aus wie ein Schlips mit Augen. Die Inkarnation des Konformen. Ihre Interessen: keinen Ärger und keine Ästhetik. Sie hechteten in die Arbeit und machten Ihre Vorgesetzten genauso froh wie Ihren Vater, Ihre Lehrer, Ihre Aktionäre, Ihren Staat und Ihre vielen Versicherungen. Sie haben eine Frau geheiratet, die Traditionen schätzt und keine Hunde im Haus mag. Zuhause dann gemeinsame Fernsehabende, geregelten Geschlechtsverkehr, Alkoholkonsum, einmal jährlich Urlaub, Familienbesuche. Freude vor allem träumend. Immer wieder die Frage: wohin mit dem Scheißgeld? Also Eigenheim, Teutonenschlitten, Aktien. Ein Kind haben Sie wahrscheinlich nicht, sonst würden Sie jetzt nicht hier hängen. Kinder sind ja oft die einzigen Argumente für die kreisrunde Leere, die sich der ausgelaugte Hamstervater einbildet zu haben. Dann noch ein bisschen Makroökonomie. Nationen, die die saure Ernte ihres Menschenviehs jahrzehntelang an die Bauern und Züchter verschenkt haben, tun plötzlich so, als würden sie sparen, um vor Leuten wie Ihnen wieder als glaubwürdige Verschenker dastehen zu können. Bis dahin muss noch mehr geerntet und kann weniger verfüttert werden. Das Vieh fällt als Handelspartner aus, und die Bauern haben alle schon ein Auto. Also sagt der Chef zu Ihnen – nein, arbeitslos werden Sie natürlich nicht, zu ihrem Unglück, muss man sagen. Aber ihre Aktien fallen, der federnde Gang fällt schwerer, es bleibt mehr Zeit zum Sinnen und Spinnen, was man so alles hört und liest, werweiß werweiß waswird waswird, Ergänzung der üblichen Besinnungsorte Ampel, Bett, Computertomograph, auch ihre Frau langweilt sich, alle machen sich Sorgen oder pflanzen sich fort oder pflanzen sich fort und machen sich dann noch mehr Sorgen, Alternative: unfruchtbar und unterfordert, manche werden krank, manche sterben in aseptischen Räumen, nichts Ungewöhnliches, doch Ihnen macht Ihr Durst zu schaffen, der Schlaf flacht ab, die Träume werden länger, im Urlaub regnet es, zuhause grüßen die unerledigten Aufgaben, Termine, Verträge, Freunde, die zuviel angeben, man schaltet ab, man kann sich schlechter konzentrieren, man lässt sich therapieren, man macht weiter, nur die Jobs ändern sich, die Hände, die man schüttelt, variieren leicht nach Feuchtigkeitsgrad, alles schmeckt gleich, Abenteuer: als im Büro der Strom ausfiel, Glück: vorm Aufwachen mit Erektion, Hoffnung: dass alles so bleibt, und es scheint gar keinen Unterschied zu machen, ob die Kurse fallen, wie das Klima, die Ressourcen und wie sicher die Welt, die man ja nicht einmal kennt, die wohl unbegreiflich ist, nicht einmal Stephen Hawking – und da springt die Ampel um, Magengrimmen und Ekzeme, sonntags joggen, sagt der Arzt, mindestens, sich fit halten, sagt man, leistungsfähig bleiben, arbeitsfähig, Liebe: nächste Frage, abwesende Einkaufsbummel, Verpackung und Ballast, „der Tod ist meine Droge“ damals im Theater, dieser Unfug, Opern zu subventionieren, morgens Haferschleim, über Mittag zum Arzt, abends Ordner und Rechnungen, Gebrauchsanweisungen im Bett, der Vater mit Tränen in den Augen an Ihrem Geburtstag, „was du erreicht hast“, und Sie mit der Hand an der Gastritis oder was es sonst noch sein kann, am Mittwoch die Ergebnisse, gesund wie ein Fisch, sagt sie, im Golf von Mexiko, erwidern Sie, was kann man schon falsch machen, wenn man tut was alle tun, Glaube: an Genauigkeit und Organisation, „Was heißt das, Sie wissen es nicht genau? Sie sind doch Arzt!“, zuviel Aspirin wahrscheinlich, zuviel Ethanol, zuwenig Steigerungen der anderen Art, Anämie ist eine zivilisatorische Ressource, nicht unbegrenzt verfügbar, immer diese Momente des Nichtverstehens, der Spannungslosigkeit, der Geruch von Brillenputztüchern (ihre Obsession), und immer diese unerträgliche Sauberkeit, die stummen Möbel, die weißen Wände und dieses wattig weiße stumme schlechte Wetter, selbst zum Erbrechen reicht es nicht, Sie werden müder und müder, weil alle mit ihnen und Sie mit allem zufrieden sind, die Aussicht auf Heroismus ist verstellt, die Euphorie selbst aus den Charts gewichen, Brandmauern überall. Nicht wahr?
Anzugträger [wie hypnotisiert]: Alles – wahr. [Er springt / rutscht ab. Singt laut:] Schon häng ich mit zappelnden Beinen am Ast!
DWR [singt laut:] Die Wahrheit ist stets eine schwere Last!
[DWR hält seine Beine fest und zieht gewaltsam daran. Stille. DWR lässt los, wischt sich die Hände am Rock ab, sieht sich um, stößt seinen Grabstein mit dem Fuß in die leere Grube und verlässt den Friedhof. Der Tote schwankt knarzend am Ast. Wolfsgeheul.]

25.09.2009

Statt Lichtung und Wahlheit: Bundestagswahren! - Warum man wen nicht wählen sollte



Wenn man schon ohne Lohn schreibt und damit das Recht auf freie Meinung erkauft, also nicht dem Chef, dem Eigentümer, dem Leser nach dem Maul reden zu müssen, sollte man es doch gewißlich unterlassen, auch nur einen ernstnehmenden Satz zur Nachrichtenbeschaffungsmaßnahme 'Bundestagswahlen' von sich zu geben. Eine gut begründete Meinung – und dennoch: werch ein Illtum! Sind auch die Machtverhältnisse durch noch so wechselnde Regierungszusammensetzungen nicht mehr als im geringsten zu ändern, da sie eben ökonomische und keine Relationen der Kreuzchenaddition sind, und mögen Lechte und Rinke hinsichtlich ihrer realen politischen Auswirkungen auch noch so verwechselbar sein, so sind sie es doch nicht hinsichtlich dessen, woraus zwar nicht die Politik, durchaus aber der Wahlkampf eigentlich besteht: ihrer Sprache nämlich, ihrer parole. Ein Wahlkampf hat größere politische Bedeutung als die ausgegangene Wahl selbst: 'Bedeutung' nicht gemessen an der vorgespielten Veränderung, der neuen Zusammensetzung des Parlaments, sondern als Bedeutung der im politischen Raum stattfindenden Kommunikation verstanden. Im Wahlkampf läßt sich erlauschen, welche Märchen zur (späten) Stunde an der Wiege der Gesellschaft vorgetragen werden – und welche man warum vermeidet.

Ein geradezu Grimmsches Faktum ist es, daß noch immer über sechzig Prozent der Deutschen dieselben Regierungsparteien wählen wollen, die sich zur Banken- und Wirtschaftskrise so verhalten wie der Elefant zum zerdepperten Porzellan. Ein Beispiel: auf europäischer Ebene hat man lange um den Eigenkapitalanteil gerungen, mit dem eine Bank ihre Spekulationsgeschäfte abzudecken hätte; begonnen haben die Verhandlungen bei zwanzig Prozent, geeinigt hat man sich, nach wirkungsvoller Lobby-Arbeit, bei fünf. Bedenkt man, daß vor einem Jahr das Zehnfache des Weltbruttoinlandsprodukts in Derivaten im Umlauf war, also – um das nur grob zu vergleichen, denn es handelt sich nicht um dieselbe Relation – immerhin zehn Prozent des fiktiven Kapitals durch die globale Wirtschaftsleistung gedeckt war, dann wird deutlich, daß fünf Prozent Eigenkapitalanteil für Bankgeschäfte unzureichend, ja lächerlich sind. „Klug aus der Krise“ kommt durch solche konformistischen Entscheidungen niemand – im Gegenteil, sie stunden die Lösung des Problems eine weitere scheinstabile Phase lang und bereiten im Grunde schon die 'nächste' Krise vor. Die kürzlich von Staaten überall auf der Welt mühsam beglaubigte Kreditwürdigkeit der Banken ist in Anbetracht der immensen Neuverschuldung derselben Staaten eine wahrlich porzellanene. Die Industriestaaten geben den Banken Kredit und umgekehrt, während die Schulden stetig wachsen. Gedeckt ist hier schon lange nichts mehr: das Fünfzehnfache der globalen Goldproduktion (!) wäre nötig, um allein das amerikanische Handelsdefizit auszugleichen. Nichts ist sicherer als vorher, und jede Chance, etwas sicherer zu machen, versäumt worden. Aber wahrscheinlich kann man vom deutschen Durchschnittswähler – Ausbildung oder Lehre, IQ 100, verschuldet, Übergewicht, mittelmäßige bis schlechte Arbeitssituation, Stress, Schlafstörungen, Rückenschmerzen, zwei Mal wöchentlich Beischlaf (Orgasmuszufriedenheit bei 67 %), Alkoholismus, Bildzeitung, Schlager, 8,9 Bücher pro Jahr und drei von vieren stolz, Deutsche zu sein, ihr häufigster Alptraum: Sturz in die Tiefe – nicht erwarten, daß er ein begründetes Urteil über die Finanzpolitik seiner Regierung abgibt. Denn, um den Zentralbankpräsidenten Jean-Claude Trichet zu zitieren: „Wir versuchen zu verstehen, was los ist. Aber das ist eine sehr, sehr große Herausforderung.“ Gute Zeiten für Märchen also.

Das weiß auch der Juniorgegner der Kanzlerinnentruppe: die Partei der Massenenteignung von Arbeitslosen und des Angriffskrieges zugunsten kosovarischer Föten hat sich bereits anläßlich der Europawahl mit an die allgemeine Blödheit anbiedernden Motiven wie „Finanzhaie würden FDP wählen“ – mit einem aus der Uniform des bösen Börsenbuben hervorgrienenden Haifischkopf, entmenscht zum Spott des kleinen Mannes – als exakt so platt wie ihre Tradition erwiesen. Für die anstehende Marsch-„Richtungswahl“ (Steinmeier) hat sich die SPD wohl ihrer glorreichen Vergangenheit als Sammelbecken patriotischer Kleinbürger erinnert, die ihren Pazifismus nicht etwa über Bord warfen, um eine Oktoberrevolution zu gewinnen, sondern um dem Kaiser Wilhelm II. im Reichstag jene Kriegskredite zu bewilligen, mit denen eine der größten Katastrophen der Geschichte finanziert wurde. 1933 dann johlten sie Seit' an Seit' mit den lauteren Kameraden, die die Chorknaben nichtsdestotrotz bald verfolgen und vergasen sollten, das Deutschlandlied. Nicht anders bei der sog. 'Wiedervereinigung', wo man sich vor lauter Einheitswallungen unterm gesammelten Germanenpack im Bundestag nicht mehr auf den Sesseln halten konnte und unter Tränen der Verblödung ein weiteres Mal die fatale Hymne absang. Sozialdemokraten segeln traditionell unter den Flaggen der Mächtigen mit: man nahm die abgerissenen Kerlchen, die in Holzbaracken oder Mansarden aufgewachsen waren, auch immer gerne auf, weil man als Mächtiger doch wußte, daß niemand dienst- und dankbarer ist als ein von seiner Herkunft geplagter Streber. Gesindel von schlechtem Ruf, das ihn loswerden will, schrubbt bereitwillig das Deck, nur damit sie niemand als Drückeberger verdächtigt. 'Überkompensation' nennt man das: sozusagen das psychosozial-politische Herz der Sozialdemokratie. Bewußtsein, Selbstkritik und Theorie stören da nur. Das erahnte schon Gründervater August Bebel, der nach anfänglichen Ambitionen in Marxismus und trotz brieflicher Erläuterungen von Friedrich Engels „Das Kapital“ entmutigt aus der Hand legte und die SPD bald ohne die Wissenschaft am Sozialismus in eine abschätzbar unsozialistische Zukunft führte – ganz Vorläufer des hermdsärmlig-praktischen 'Machers' und 'Gestalters', als den sich sämtliche sozialdemokratischen Kanzler später zu stilisieren versuchten. Steinmeier ist nur eine weitere, besonders brüchige Ausstülpung dieses Förmchens aus dem Sandkasten der ostentativen Realpolitiker im Willy-Brandt-Haus. Alles Nötige über das der Sozialdemokratie immanente Scheitern ihrer Prinzipien kann man aber schon bei Rosa Luxemburg nachlesen, und wir brauchen es hier nicht schlechter zu wiederholen.

Derart rückbesinnlich ist die SPD in diesem Wahlkampf, daß sie selbst die mühsam angesparte Brioniwürdigkeit aus Schröders Zigarren-Kanzler-Jahren gegen den Blaumann des guten Deutschen tauscht, wenn unterm unfrohen Macherlächeln ihres Kandidanten die kommandokurzen Sätze plakatiert sind: „Anpacken. Für unser Land.“ Damit hat die SPD sich endgültig zum reaktionärsten Schlagwortclub diesseits der NPD hinunterkompensiert. Selbst die CDU war in ihren letzten (Bundestags-!)Wahlkämpfen nicht derartig dummdeutsch und blaumännisch-humpenhaft. Sollte die Wirtschaftskrise bei den SPD-Werbetrotzkis die ideologische Hemmschwelle derart gesenkt haben, daß man die WählerInnen schon bereit zur patriotischen Selbstaufgabe einschätzt? (Man kann die Deutschen hierin ja kaum unterschätzen...) Folgt auf das unscheinbare, urdeutsche Wörtchen „anpacken“ endlich das lange geplante 'Sanierungsprogramm', das dreistellige Milliardenschulden, die der Klientelstaat bei den Banken für die Banken gemacht hat, bei der wackeren Bevölkerung wieder eintreibt? Wer mit mir dagegen wettet, den nenne ich einen Hypothekenhändler.

Wo die FDP formulieren läßt: „Deutschland kann es besser“ (was eigentlich?), kleistern die Nationaldemokraten: „Unser Land kann mehr.“ Dabei scheint man inzwischen selbst im Sibirien der Parteienlandschaft, das heute DIE LINKE heißt, eingesehen zu haben, daß ein Proletarier kein Vaterland hat; sie nämlich wirbt mit dem Sprüchlein: „Damit es im Land gerecht zugeht.“ Im Land? Klingt das nicht seltsam? Man scheint bei Lafontaines unterkompensierenden Sozialdemokraten tatsächlich den seltsamen Klang um der Vermeidung eines patriotischen Possessivpronomens hingenommen zu haben. Unter Honecker hätte es das nicht gegeben. Auch der Slogan „Reichtum für alle“, laut Gregor Gysi als Provokation gedacht, macht einer Partei durchaus Ehre, in deren historischer DNA die realsozialistisch verordnete Ächtung von Freizeit und Wohlleben fortwest. Wir sagen es unvorsichtig: dieses Plakat, das den Unwillen so mancher Realismuseiferer erregt hat – die die Abschaffung des Sozialneids schon deshalb als Katastrophe ansähen, weil es dann keine armen Schweine mehr gäbe, vor denen sich die neurotische Ödnis ihres Bessergestelltseins als exotisches Karriereabenteuer ausnähme – kann neben dem SPD-Werbe-Machwerk als morgenroter Abglanz von Fortschrittlichkeit und Hoffnung durchgehen. (Der triumphierende Einwand tumber Beobachter, daß dieser Slogan mit der Forderung "Reichtum besteuern" ja gar nicht zusammenpasse, erinnert mich an die naive Freude, mit der manch strebsamer Gymnasiast die Zeichensetzung Kafkas kritisieren mag. Schließlich liegt hier nicht einmal ein Schein-Widerspruch, geschweige denn ein durch Disambiguierung nicht lösbarer vor: warum sollten nicht alle 'reich' sein, nämlich am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben, gerade weil dieser in gerechtem Umfang durch die öffentliche Hand geht ? Unbegreiflich für den reputablen Überstundendandy...)

Bevor jedoch ein falscher, versöhnlicher Eindruck entsteht, muß schnell ein Satz hinzugefügt werden, den das MdB Paul Schäfer (man beachte die Gitarre, Symbol des Weltfriedens, oben links auf seiner Homepage!), ehemals DKP-Aktivist, nun arriviertes Mitglied der Fraktion der LINKEN, kürzlich über die Marktwirtschaft herausließ, als ihn ein Schelm auf die DKP ansprach (ganz im Gegensatz zur NSDAP die einzige Partei, für deren Mitgliedschaft sich in der BRD noch wirklich geschämt wird): Für ihn hat sich nämlich „der Markt als ein effizientes System der Güterproduktion erwiesen“. Geäußert am 28.11.2008, hat sich mitten in der Bankenkrise Schäfers Markt als „effizientes System der Güterproduktion“ erwiesen – ein wahres Nordkorea von Weltabgeschiedenheit im kahlen Schädel dieses Mannes! Die Lektüre der sozialistischen Klassiker scheint in der DKP schon sehr lange nicht mehr üblich zu sein, sonst wäre Schäfer zumindest diese eine grundlegende Erkenntnis geblieben, daß Marktwirtschaft nichts anderes bedeutet als die Verzufälligung der Güterproduktion unter den Bedingungen des Konkurrenzprinzips: wer was produziert ist in der Regel allein der Spekulation des Produktionsmitteleigners überlassen – der spekulative Charakter durchzieht den freien Markt von der Bäckerei bis zur Börse, und wie „effizient“ dieses Wetten auf Angebot und Nachfrage ist, war nicht erst vor einem Jahr, sondern schon vor hundertfünfzig klar. Man muß nur sehen wollen, das heißt nicht fürs Blindsein eine Diät von antikommunistischen Institutionen erhalten. Schäfer – und man darf ihn hier wohl im Einklang mit dem programmgebenden Teil seiner Partei verstehen (zu dem leider nicht Sahra Wagenknecht gehört, der Dorn im blinden Auge der LINKEN) – abschließend zum Markt: „wir werden ihn nicht abschaffen wollen“.

Dachten wir uns schon. Den Lorbeer der Geschichte müssen dann wohl doch andere aus dem Dreck fischen. Im Hohen Haus jedenfalls angelt man sich höchstens ein paar samtweiche Schlappen – oder, wie es zu Kohls Zeiten noch so schön alarmierend hieß: rote Socken.




21.09.2009

Die "Agenda 2020" - Schlagwort der kommenden Legislaturperiode?




Wie wir darauf kommen? Verbergen sich hinter DWR etwa hochstehende bzw. -kniende Wahlkampfmanager oder etwa garstige Geschöpfe aus der intellektuellen Unterwelt der parteienbezahlten Werbeanstalten? Nee. DWR kommt ohne analglatte Verbindungen nach oben aus. Schlichtes Lesen schlechter Medien kann vorführen was dereinst nachgeplappert werden wird. Denn mittelfristige politische Projekte zur Friedens- und Freiheitsberaubung müssen seit ein paar Jahren Demokratie ein bißchen vorbereitet werden. Viele Hände bereiten den Brei, zu dem das Wählerhirn gemacht wird...

Es ist kein besseres als das Leibblatt der Halbgebildeten und abgewrackten Berufszyniker, DER SPIEGEL, das wieder mal das publizistische Stundenhotel für einen engagierten Herrn von der 'Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' macht, der sich so allerhand von seinen volksbetriebswirtschaftlichen Hilfsherren hat einfallen lassen: hier nachzulesen – obgleich in der Sache, also nicht aus Visier-Distanz betrachtet, so interessensplump geheuchelt, wie man sich's denken kann, sofern man denken kann. Wie 'wir' aus der Krise kommen - das interessiert 'uns'. Wie wenige hier unters 'wir' fallen und wohin die andern, das interessiert natürlich kein Schwein, erst recht kein für seine Schweinereien gut bezahltes.




11.05.2009

Werbepause

click

09.02.2009

Allegorien des Nichts - Zu Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel"


Nicht die Handlung, nicht die Charaktere und nicht die Dialoge sind die große Qualität dieses Films, sondern seine visuelle und bildhafte Komposition. Er verleugnet nicht seine Inspirationsquelle aus den bildenden Künsten, den 'Totentanz', und nimmt so die allegorischen Versuche des Spätmittelalters auf, die unsichtbaren und unsicheren Mächte, die das menschliche Dasein (möglicherweise) entscheiden, in konkrete Rollen zu zwingen, mit denen sich spielen lässt wie mit Holzfiguren auf einem Brett. Gerade der spielerische Charakter derartiger Versuche selbst wird im Film akzentuiert: durch das Schachspiel gegen den Tod, das Theaterspiel der Schausteller, den mehrmals wiederkehrenden Gesang, das Lautenspiel und insbesondere durch den bühnenhaften Habitus dieses Films, der eben keine täuschende Illusion sein will, sondern die Inszenierung des Existentiellen. Ein Kunstwerk also, das seine notwendige und unüberwindliche Distanz zu seinem Gegenstand mitdarstellt, um nicht an ihr zu scheitern. Neben dem Gott suchenden Protagonisten, einem die kosmische Sinnlosigkeit witternden Kreuzritter, scheint nur der Künstler, im Film durch den Gaukler Jof allegorisiert, mit einem Blick in jene andere Welt begabt, in der der Tod selbst auftritt; wie wenn ihn zwar nicht der Verstand, aber ein Kostüm zu fassen vermöge, nicht der Ernst, aber das Spiel. Mit dieser kreativen Prämisse muss man diejenigen Szenen des Films ins Verhältnis setzen (so etwa die erste Begegnung mit dem Tod), die auf einen an Eindeutigkeit und storylastiges Heruntererzählen gewöhnten Konsumenten lächerlich wirken müssen durch ihren scheinbaren Ernst: doch wenn bei Bergman der Tod auftritt und sagt: „Deine Zeit ist gekommen“, dann ist das zwar keine Ironie, aber nichtsdestotrotz auch weder ernst noch lächerlich, sondern – in der panironischen Entertainmentära zunächst unverständlich – allegorisch gebrochen. Heißt das wiederum, dass Bergmans Film unmodern, talmichristlich und regressiv zu nennen wäre? Nein, denn die Allegorien eines Künstlers der Moderne überschreiten immer auch die Grenze zum Symbolischen, Skeptischen, Unbewussten und Vieldeutigen, das freilich vom modernen Zuschauer mitgeschaffen werden muss, dem nicht gezeigt werden kann was er zu sehen nicht fähig ist. In Bergmans existentialistisch ernst gemeinten Allegorien – ja, doch auch 'ernst', weil er nicht nur unterhalten will – ist aber das Unzureichende als spielerisches Element ebenso sichtbar wie die ihm komplementäre Modernität, die über die Zweidimensionalität der mittelalterlichen Ikonografie weit hinausweist, in traumhaften Visionen, die trotz ihrer Zitate nicht mehr mit heiligen Texten ausgedeutet werden können. Und genau dieses Versagen des weltdeutenden Textes, aus dem auch der Titel stammt, vor den Bildern der Welt, deren Diesseits und Jenseits, Konkretes und Abstraktes der Film auf seiner Bühne ordnend vereint, ist das eigentliche Thema dieses Leinwand-Stücks – ein moderneres, das Medium Film besser erklärendes und legitimierendes kann man sich schwerlich denken.


[Dieser Text ist kürzlich erschienen in der filmzentrale.]


06.12.2008

Die Kirche im Dorf - Pro und Contra. Ein Adventsbeitrag.


Es gibt Autoren von solcher offenbaren Nichtigkeit, daß es schon ein Verriss ist, wenn man zu ihren Texten schweigt. Gegen sie zu polemisieren sollte nur in der Adventszeit erlaubt sein. Um die christlich-bürgerliche Kadaverharmonie durch eine partisanische Greueltat zu erschüttern, die unter anderen Umständen unmenschlich wäre... Auch der Einwand, manche hohlen Ziele seien gewissenhafter Polemik gar nicht wert, muß im folgenden mißachtet werden. Denn zum Anlaß für Nettes muß ja nicht nur Nettes, sondern kann und sollte Alles und Nichts werden. Und sowenig wie es 'unwertes Leben' gibt, gibt's eine unwerte Polemik.

Das findet auch der bestbezahlte deutsche Zeitungspraktikant und Sprachrowdy Benjamin von Stuckrad-Barre, dem wir hier erstens nicht weiter die Ehre antun wollen, ihn bei einem so komplexen Namen zu nennen, den auszuschreiben zweitens viel zuviel Zeit verschwendet, so daß wir ihn ab jetzt schlicht Benji nennen werden – ein Nämchen wie ausgedacht für einen professionell pubertierenden Literaturbetriebsbengel. Dem preiswerten Herrenmagazin „Cicero“ hat er irgendwann ein Interview gegeben, in dem sich der Junge ganz schön doll über diejenigen beschwert, bei denen er früher seine Gummibärchen verdient hat, und auch über alle anderen, zu denen ihm nichts einfällt. Darin, daß ihm nichts einfällt, auch zu sonst allem, besteht gewissermaßen seine Sendung: Benji zeigt all denen da draußen, denen auch nichts einfällt, daß selbst sie es schaffen können, dafür auch noch bezahlt zu werden. Damit hat er eine wichtige Position in der Öffentlichkeitsabteilung der kulturindustriellen Müllverbrennung inne.

Ihren Ausgang nahm die dialektische Karriere (das ist eine Karriere, die durch die Person dessen, der sie macht, widerlegt wird) Benjis von zufällig veröffentlichten Schülerstories über Pickel und Liebe mit der stilistischen Aura eines Beipackzettels für Abführmittel. Das meiste seiner Bravoprosa, die gern mit dem Wörtchen 'Pop' etikettiert wird, weil das besser aussieht als 'einlagiges Toilettenpapier' und viel besser paßt als 'Literatur' ohne Pop, ist vom solide-alltäglichen Einfallsreichtum, sagen wir 'mal, eines Mannes, der in seinen Timer unter Montag: „16.30 Zahnarzt“ schreibt. Also einfach, direkt, spontan und autobiografisch. Dorfjugendliche und solche, die es geblieben sind, stehn drauf. Wem Grass halt zu krass ist, der findet seinen knappen Geist in Benjis Sätzen wieder. Er ist der DJ des deutschen Kinderbuchs, und der Beat seiner Schreibe hält in jedem Moment die Amplitude zwischen Trotzphase und Klassenclown. Enden wird seine Karriere sicher dort, wo dialektische Karrieren eben enden: im Wühltisch, im Müll, im Fernsehen, in der Reha – also dort, wo sie schon vorher hauptsächlich stattfand.

In besagtem „Magazin für politische Kultur“ hat Benji fünf erwähnenswerte Sätze fallenlassen, die uns haben aufhorchen lassen und das Fadenkreuz der DWR-Gesinnungspartisanen in seine Richtung lenken mußten (keine Angst: wir schießen nur mit Tintenpatronen!). Diese Sätze haben ihrerseits die mit uns weder paktierende noch befreundete telegene Kommunistin Sahra Wagenknecht zum Ziel und lauten wie folgt:


Aber es geht auch noch schlimmer [als Andrea Nahles, DWR]: Vor kurzem saß ich im ICE von Berlin nach Hannover, in der ersten Klasse, und ein paar Sitze weiter saß Sahra Wagenknecht. Die hätte ich ganz gern in die zweite Klasse umverteilt.


Und am Ende des Gesprächs:


Gut fände ich es, wenn die NPD verboten würde, desgleichen Sahra Wagenknechts kommunistische Plattform. Wer sich offensiv gegen unser insgesamt hervorragendes System richtet, dem sollte das Rederecht entzogen werden und auch die Parteienfinanzierung. Im demokratischen Rahmen aber freue ich mich über jede Art von Zuspitzung, allein aus dramaturgischen Gründen. Aus Versehen führt das nämlich hin und wieder zu wahrhaftigen Momenten.


Den letzten Satz kann man zwar auf zwanzig Arten besser sagen, aber auch so stimmt er – sogar so weit, daß sein Sprecher, aus Versehen ihn bestätigend, es gar nicht merkt: Wahrheit ist von derart in die eigene Neurosen- und Ressentimentstruktur verstrickten Bewußtlosen immer nur „aus Versehen“ zu hören, als 'Wahrheit der Krankheit'. Und selbst ein gedankenleeres Haupt wie das unseres jungen Freundes aus der Papierindustrie kann interessant sein, sobald man eine diagnostische Perspektive zu ihm einnimmt, ihn also ernst nimmt als 'Fall'.

In seiner polemischen Zuspitzung offenbart der rhetorisch freche Lausejunge nämlich, welch gehorsames Kind er tatsächlich ist. Hinter dem narzisstisch-lässigen Gequengel steht ein ichloser Ausbund der Erzogenheit. Ein angepaßter Pastorensohn, der sogar von den ihn umgebenden Erwachsenen noch mehr Anpassung einfordert. Denn Ordnung ist für ihn schon schwer genug zu halten und zu überblicken, und wer das reale Puppenhaus auch noch gründlich ummodeln will, der (oder die) zieht sich den Haß des braven Knaben zu. Den Stellvertreter-Haß des kleinen Wächters, der auf das große Haus stolz ist, vor dem er frieren darf... Wieso dürfen Kommunistinnen überhaupt in der ersten Klasse fahren? braust es aus dem Pop-'Dandy' hervor. Sollte etwa seine ganze Arschkriecherei und Medien-Mitläuferei, all die an sich selbst exerzierten Demütigungen seines masochistischen Ego-Stummels umsonst gewesen sein, wenn man auch als radikale Nonkonformistin und aufrechter Mensch in die erste Klasse gelangen kann? Das darf nicht sein und muß verboten werden! – Hach, welche altbekannte Frische weht in der jungen deutschen Literatur, diesmal zur selbstlosen Verteidigung der verordneten Demokratie. Wer freilich den „demokratischen Rahmen“ so eng setzt, daß derjenigen umstandslos das Rederecht verweigert werden solle, die „unser insgesamt hervorragendes System“ negativ bewertet – eine Bewertung, deren polit-ökonomische Argumentation sich weit in der nie erlebbaren Zukunft von Benjis geistigem Entwicklungsstadium abspielt – und so die Arbeit des Verfassungsschutzes noch besser, ordentlicher machen will, der vertritt ganz offensichtlich eine autoritäre Auffassung von jenem („unserem“) System, mit dem er sich so gerne und vergeblich gleichzusetzen wünscht, die seinen demokratischen Rahmen verlassen hat. Nicht in die Richtung einer demokratischeren und freieren Welt natürlich – aber nein, wer käme denn in unserer hervorragenden Zeit auf die Idee? – sondern in die entgegengesetzte.

So wie es Hippiesöhne gibt, die schlechte Berufssoldaten werden, weil sie sonst künftig nichts Eigenes vorzuweisen fürchten, so gibt es auch die Pastorensprösse, die zu dollen Aufmischern werden wollen: da wird dann schonmal sonntags im Bett liegen geblieben, statt in die Kirche zu laufen, oder expreß ein Kaugummipapierchen aufs Pflaster fallen gelassen etc. Aber keine Angst, Vati, die Kirche lassen sie im Dorf. Und wer sie mal eben im Vorbeigehn anpissen will, dem sagen sie: hey Mann, muß das sein? Find ich nich' so superokeh, ehrlich. Und wer erst die Kirche abreißen und Papi arbeitslos machen will, dem zeigen sie, wes Beffchens Kind sie sind! Wie alle Rebellen, die Provokation statt Kritik üben, kehren sie spätestens dann in den Schoß des Althergebrachten zurück, wenn die Wirklichkeit und Folie ihrer Rebellion tatsächlich erschüttert zu werden droht. Bleibt diese Drohung aus, werden sie trotzdem ein Abbild ihrer Väter, die sie auf dieses Ziel hin erzogen haben, und folgen der ihnen vorgegebenen Entwicklung gemäß der väterlichen Strenge, für die das Aufbegehren nur ein Symptom ist. So daß am Ende alle Schäfchen und Dörfler ruhig aufatmen können, ihre Benjis tätscheln und wahrscheinlich Sachen sagen wie: ein Lausebengel, aber doch ein guter Junge. (Dazu paßt jener peinlich vieldeutige Akt, den Benji bei der Leipziger Buchmesse vorführte, als er Helmut Kohl um ein Autogramm bat, indem er vor dem CDU-Altkanzler auf die Knie fiel...)

Daß die jüngste deutsche Literatur durchaus mehr zu bieten hat als solche Schießbudenfiguren für die Heckenschützen der Polemik-Guerilla, darf am Ende unseres Adventsbeitrages nicht verschwiegen werden. Auch das Phänomen 'Pop', durch die US-Kultur des 20.Jahrhunderts längst ästhetisch geadelt, als Begriff in Deutschland aber vor allem ein Etikett für Nischen der Unfähigkeit und Post-Pubertät, ist selbst hierzulande seriöser als Romane übers Plattenhören. Das beweist zumindest Dietmar Dath, der ehemalige Spex-Chefredakteur, FAZ-Mitarbeiter, Romancier, Essayist und Wissenschaftsautor, nicht nur in seinem jüngsten Interview mit einer hausbacken provokanten „Welt-Online“. Hier kann man auch nachlesen, wie in Krisenzeiten nur über Kommunismus gesprochen werden kann, wenn man sich das Recht aufs eigene Gehirn nicht längst hat rauben oder abkaufen lassen.



 
Email-Abonnement
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Gelistet im Blog Verzeichnis Blog Directory Blog Top Liste - by TopBlogs.de blog-o-rama.de blogCloud frisch gebloggt

kostenloser Counter